Sonntag, 31. Dezember 2017

Inspirationsquellen die mir total den Stecker ziehen

Von Stephen King bis Wanda

Die ewige Frage nach dem Huhn und dem Ei: War eine Zeit inspirierend, weil man die richtige Musik, das richtige Buch dazu hatte? Oder wurde das Buch, der Song zur Inspiration, weil man es genau zur richtigen Zeit in die Finger bekommen hat? 
Egal ob Buch oder Musik: Es gibt einige Künstler die mich nicht nur für ein, zwei Wochen geflasht haben, sondern für komplette Lebensaschnitte. Ihre Texte sind in meine Geschichten eingeflossen. War es ganz schlimm, habe ich mich im Fasching als die Person, die mich inspirierte, verkleidet und wochenlang geredet wie sie. Meine Frau kann ein Lied davon singen. (Kein inspirierendes)
Meistens sind in jeder Phase ganz passable Texte rausgekommen. Immer jedoch legendäre Zeiten, die ich immer mit der jeweiligen Person verbinden werde.
Aber mal ganz von vorne: Der erste Künstler der zumindest ein kleines Licht in mir anknipste, war Stephen King. Gelesen habe ich Christine, Es und The Stand. Es reichte, um mich für das große Erzählen zu begeistern. Die auserlesene Gruppe die "Der Finstermann" gelesen hat, kann unschwer meine Inspirationsquelle nachvollziehen.
Danach folgten, so viel schonungslose Ehrlichkeit muss sein, "Die Springer". Naja, ich war jung und brauchte die Inspiration. Zwei, drei Alben lang haben mich die Texte der Band begleitet und viele Zitate und Erlebnisse sind in die damaligen Geschichten eingeflossen. Was für'n Lejben!
Danach war eine Weile Schluss mit Schreiben. Bis ich im Kino "Die fetten Jahre sind vorbei" gesehen habe. Eine gelbe Wunderkerze der Inspiration knallte in meinem Kopf und monatelang beschäftigte ich mich mit Daniel Brühl und alles was mit dem Jahrhundertsong "Hallelujah" zu tun hatte. Damals entstanden die "Rote Mühle" und "Die Verführung der Bathseba". 
Alles was mit RAF und den 68er zu tun hatte, inspirierte mich. In der Folge ging es weiter mit dem Uschi-Obermaier-Film "Das wilde Leben" bei dem ich Film und Buch verschlungen habe. Diese Phase wurde gepaart mit einer "Klassik-Phase". Ich stand auf alles was auch nur irgendwie mit Goethe und Schiller zu tun hatte. Reisen nach Ludwigsburg, Marbach und Weimar taten ihr übriges. Nicht ganz ideal entstand in dieser Zeit der schräge Roman "Reise ans Ende der Romantik": Eine Mischung aus 68er (1848er) Nostalgie und geschrieben in allerschwülstigstem Pseudo Altdeutsch. Mit dem Manuskript rannte ich bei den Verlagen offene Türen ein, wie Ihr Euch denken könnt. Wer den Roman dennoch lesen will und es bis zum Ende schafft, bekommt beim nächsten Bierzelt eine Maß von mir hingestellt!
Aber auch ein Klassiker kam zu der Zeit heraus: "Glamourous Indie Rock'n Roll Girl" war das Gedankenspiel, was passiert wäre, wenn Friedrich Schiller und Uschi Obermaier in einer WG zusammengewohnt hätten. Die Erzählung wurde eine erste Charakterstudie für die später folgenden "Kleinstadtrebellen", meinem ersten Roman.
Nach dem Erscheinen von "Verdammt, wir leben noch", schlitterte ich in eine zwei Jahre andauernde Falco-Phase. Vor allem der Song "Junge Römer" öffnete einen unfassbar tiefen Brunnen der Inspiration, der unerschöpflich schien. Mehrere Kurzgeschichten entstanden und vielleicht wird mein nächster Roman, sollte er jemals fertig werden, ebenfalls im Falco-Universum spielen. 
Nach Falco krachte der Zauberberg in mein Leben. Ein Buch das mich nachhaltig faszinierte. Da ich zeitgleich an "Sterne sieht man nur bei Nacht" schrieb, flossen zahllose Elemente aus dem Zauberberg auch in mein Buch ein. Zur selben Zeit entdeckte ich einen jungen österreichischen Autor der mich mit seinen Büchern aber auch mit seinem Privatleben in seinen Bann zog: Thomas Glavinic. Sein "Das größere Wunder" und die folgenden Jonas-Bücher erschlossen mir eine völlig neue Art der Literatur. 

Neben Thomas Glavinic gab es einen weiteren deutschsprachigen Autor der mir den Stecker zog: Wolfgang Herrndorf.   Erst recht, als er sich das Leben nahm und ein Jahr später mein Schwager an derselben Krebsart erkrankte, die auch für Herrndorf das Todesurteil bedeutete: Einem Glioblastom. Herrndorf und sein Blog "Arbeit und Struktur" waren für mich eng verbunden mit dem Prinzip des "Am Abgrund schreiben" Es ging also um Texte die nicht entstanden, weil man gerade Bock auf Schreiben hatte, sondern um Schreiben als existentielles Werkzeug, um zu überleben.
Das klingt jetzt arg pathetisch, aber so hat es sich die zwei Jahre, die ich mich mit Herrndorf und Glioblastomen herumschlagen musste, angefühlt.
Zu guter Letzt ist noch die Wien-Phase Teil 2 zu erwähnen. Neben Falco gibt es da noch die wunderbare Band Wanda die es sehr gut versteht, die Filmmusik zum jeweiligen Lebensabschnitt zu schreiben. Ein bisserl morbid, stets leidenschaftlich und sehnsüchtig. Und ja, auch in den Sternen kann der aufmerksame Leser jede Menge Wanda herauslesen. 
Viel Spaß beim Rätseln!

Dienstag, 26. Dezember 2017

Der Jahresrückblick 2017

Die Highlights 2017 auf Chiemgauseiten und Lesenszeichen

Der Stift den ich im Büro geklaut habe,
den mir dann Takis Würger geklaut hat
Vom Geisterexperten im Radio bis zum Szenekneipenflaneur in Berlin - mein traditioneller Rechenschaftsbericht an meine Leser: 
Anfang des Jahres ging es recht beschaulich los. Es gab kein Buch zu promoten oder fertigzustellen. Dennoch fuhr ich wieder nach Leipzig zur Buchmesse. Und hatte diesmal meine Kinder dabei. Ein Riesenspass, sag ich Euch! Und wer mich kennt der spürt die Ironie zwischen den Lettern vibrieren. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass meine Kinder Martin Suter nicht mögen und Takis Würger, der Autor des fantastischen Romans "Der Club" ein super Kerl ist. Und unter Tausenden Messebesucher ausgerechnet meinem Literatur-Lehrmeister Arwed Vogel über den Weg zu laufen war natürlich das größte Highlight.
Da 2017 ein herrlich ambitionsloses Autorenjahr war, freute ich mich über Spontantreffen wie mit Fabian Bader in Würzburg beim Brückenschoppen und möchte an die bald legendäre Schreibbohéme erinnern, die auf Leser und Bohemien wartet. 
Carlos Ruiz Zafon schreibt nicht nur viele Bücher,
er unterschreibt sie auch noch alle.
Im Frühjahr standen Lesungen der Autorenkollegen im Mittelpunkt. In München lauschte ich Carlos Ruiz Zafon und Karl Ove Knausgard beim Vortrag aus ihren Werken. 
Erst im Sommer ging es wieder Schlag auf Schlag. Erst fand die Schreibwerkstatt auf der Rabenmoosalm statt. Dort dozierte ich über Allegorien in Thomas Manns Tod in Venedig. Wer sich danach nicht verzweifelt die Felsen hinunterstürzte, konnte noch den ungemein inspirierenden Austausch am Lagerfeuer mit den Autorenkollegen Meike K. Fehrmann, Michael Inneberger, Martin Trautwein und Armena Kühne genießen. Die Schreibalm war erneut eines der Jahreshighlights. Die darauf folgende Lesung im Nuts "Wie Literatur entsteht" war ebenfalls episch. Jedenfalls von der Länge her. Meinem bis dato mitreissendsten Bühnenvortrag hörten ganze 8 Gäste und eine Handvoll Chiemgau-Autoren zu. So bleiben die Chiemgauer Kulturtage vor allem für eine spannende Podiumsdiskussion in Erinnerung. Ach ja, in der Theaterstrickerei wurde Ronja von Rönnes Theaterstück aufgeführt und der Star war persönlich zugegen und las launisch und lustig aus ihrem Buch "Heute ist leider schlecht - Beschwerden ans Leben".
Meine einzige Solo-Lesung gab ich in Ingemar Maiers Kleidungsladen. Die dargebotenen Kapitel aus "Sterne sieht man nur bei Nacht" und aus dem Elterntagebuch wurden live auf Radio-Festung übertragen. Allerdings nicht in die Festung. Denn Udo schaltete das Gelaber kurzerhand ab. Anschließend gab es noch eine im Netz ausgetragene Debatte, ob dieser Bernhard Straßer tatsächlich der zweitbeste Schriftsteller Traunsteins sei. Zu meiner Enttäuschung ging die Debatte nicht darüber, ob er gar Traunsteins bester sei...
Überschattet war das Jahr aber von einer handfesten Schreibkrise, ausgelöst von den Kollegen der Schreibboheme. Allen voran Matthias Tonon, der wieder sagenhafte Texte vorlegte und folglich die Shortlist-Ränge bei Wortlaut und Open Mike besetzte. 
Den Medien war es Wurscht. An Halloween fragte Antenne Bayern an, ob sie mich über den Finstermann interviewen dürften. Ja mei, es gibt andere Themen zu denen ich lieber Stellung bezogen hätte, aber was soll man machen? Antenne Bayern ruft halt nicht jeden Tag an. So wurde ich Radiostar und Geisterexperte für einen Tag. Mein Kollege der an dem Tag zu Hause tapezierte, erzählte leicht genervt: "Bernie, ich hab dich sechs Mal im Radio gehört!" 
So ging es auch weiter als Andreas Auer vom Ladenbergen bei Achim Bogdahns "1 zu 1 Der Talk" eingeladen wurde. Da meinte ich, mich verhört zu haben, als sie plötzlich über den Popliteratur Autor Bernhard Straßer sprachen! 
Und dann wurden noch die großen Projekte 2018 vorbereitet: Eine Leseweisung bei der straffällige Jugendliche zusammen mit Meike K. Fehrmann und mir das Buch "Auerhaus" lesen. Wäre das Projekt nicht schon aufregend genug, meldet sich auf einmal Bov Bjerg, der Autor des tollen Romanes und bietet seine Unterstützung an. Eine Woche später kommt ein Paket vom Aufbau Verlag samt mehreren Exemplaren vom Auerhaus.
Da waren es schon 3
Gegen Ende des Jahres wurde letztendlich Buch Nummer drei veröffentlicht: Das Elterntagebuch - Die ersten Jahre! Erhältlich ab sofort auf Amazon und bei mir.
Im November durfte ich endlich die #chiemgaublogger kennenlernen. Ja, es gibt sie wirklich, die Blogger im Chiemgau!
Nicht zu vergessen ein verrauchter Abend in einer Berliner Kneipe. Ich meine mich zu entsinnen mit Tilman Rammstedt diskutiert zu haben. Dann war da noch ein Selfie mit Ronja von Rönne das wir Cornelius Reiber geschickt haben. Gibt es das Foto noch? War ich wirklich dabei? Falls ja, schickt es mir bitte! Ich weiß, Ihr lest das!
Aber sonst? Sonst war es 2017 ganz schön langweilig. 

Freitag, 24. November 2017

Den Rucksack packen für die Arbeitswelt 4.0

Warum Schreiben und Lesen eine wichtige Rolle in der Arbeit der Zukunft spielen

Literarisches Lesen & Schreiben könnte eine gute
Vorbereitung auf die Arbeitswelt 4.0 sein!
Seit einigen Monaten geistern die Schlagworte „Digitalisierung 4.0“, „Industrialisierung 4.0“ oder zusammengefasst, „Arbeitswelt 4.0“ durch Medien und Politik. Gemeinsam kündigen sie eine umwälzende Veränderung in unserer (Arbeits)Welt an, die jeden einzelnen von uns erfassen wird: 
Die sich immer rascher entwickelnde Digitalisierung wird Industrie und Arbeiten in naher Zukunft massiv wandeln. Nur wie die künftige Arbeitswelt genau aussehen wird und wie man heute Schüler/innen und Arbeitnehmer/innen darauf vorbereiten kann – das weiß noch niemand.
Schulen und Bildungsträger grübeln seitdem, mit welchen Rucksäcken man die zukünftigen Experten für Robotik, 3D-Druck oder Programmierung  für die Reise in die Zukunft ausstatten soll. Die vhs Traunreut beispielsweise bietet in zahlreichen, der „MakerSpace“ Bewegung angelehnten Kursen einen spielerischen Zugang zu den Techniken der Zukunft: Dort haben Jugendliche die Möglichkeit, mit Minecraft zu programmieren oder das Microcontrollerboard ARDUINO auszuprobieren. 
Auch die Schulen beschäftigen sich mit der Frage, auf welche Fächer zukünftig ein Fokus gelegt werden soll wenn immer mehr Tätigkeiten künftig von intelligenten Maschinen übernommen werden. Denn: 70% der Tätigkeiten sind bereits durch Computer ersetzbar. Denkt man andersherum, ist die Frage zu stellen: Was hat der Mensch der Maschine noch voraus? 
Es sieht aktuell danach aus, dass künftig weniger Qualifizierung und Fachwissen gefragt sind – so ziemlich alles lässt sich im Internet nachschlagen – sondern Kompetenzen an Wert gewinnen: Problemlösungskompetenzen, soziale Intelligenz oder: Kreative Intelligenz! 
Verbunden mit den Grundkompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen könnte künftig also ein Bereich an Wertigkeit gewinnen, der auf den ersten Blick verstaubt und veraltet anmutet: Neben Mathematik- und Programmieren könnten Schüler/innen auf die Anforderungen der Arbeitswelt 4.0 vorbereitet werden, indem sie literarisches Lesen und Schreiben lernen
Literarisches Lesen fördert nicht nur die Kulturtechnik Lesen, sondern hilft Zusammenhänge zu verstehen, Informationen zu filtern, querzudenken und zwischen den Zeilen zu lesen. Wer im zweiten Schritt sich mit literarischem Schreiben beschäftigt, fördert seine Kreativität und aktiviert seine Problemlösungskompetenz. Der Rucksack für die Arbeitswelt 4.0 wäre also gut gepackt für die Herausforderungen der Zukunft.
Ob sich die Schulen dieser zugegeben ungewöhnlichen Vorbereitung auf die Digitalisierung 4.0 einlassen und ihre Schüler ebenso Literatur wie HTML lehren bleibt noch offen. Man kann also gespannt sein, ob der Trend zukünftig mehr in Richtung Programmieren gehen wird, oder ob die klassischen Kulturkompetenzen wie Lesen und Schreiben ihr früheres Gewicht zurückerlangen. 

Freitag, 17. November 2017

Da sind sie, die Chiemgau-Blogger

Wo sind die Blogger im Chiemgau???

Immer bei der Arbeit: Die Chiemgauer Blogger/innen
Diese Frage stellte ich vor einer Weile und lange Zeit blieb es still in den Weiten des Internets. Doch inzwischen haben sie sich bemerkbar gemacht: Stefanie Dehler, Bloggerin vom Gipfelglück, hat eine kleine aber feine Runde von Bloggern aus und über den Chiemgau zusammengetrommelt und die ersten Treffen organisiert. Beim letzten war ich dabei und lernte eine völlig neue Welt kennen:
Im Gegensatz zu meinen Chiemgau-Autoren steht bei den "echten" Bloggern nämlich nicht nur das geschriebene Wort im Mittelpunkt, sondern auch das Key-Word, das Foto zum Geschriebenen und natürlich die mediale Vermarktung von Bild und Text. 
Und so dauerte es nicht lange, bis die illustre Runde in der Gaststube des Sailer Keller - nachdem sich jeder vorgestellt hatte - die Smartphones gezückt hatte und munter jeden der anderen auf Facebook, Instagram oder Twitter folgte sowie live vom Treffen bloggte. Der ehemalige Weinblogger trank Bier, die Eltern-Bloggerin musste nach Hause, den Babysitter ablösen, die Strick-Bloggerin begann zu stricken. Es war herrlich und genau so wie man sich ein Bloggertreffen immer vorgestellt hatte.
Schon 1924 trafen sich die Chiemgauer Blogger hier im
Sailer Keller
Und breit aufgestellt sind sie, die Chiemgau-Blogger: Egal ob über Bergsteigen, Kultur, Kinder, Stricken, Literatur, Wandern - da war für jeden etwas dabei. Wer mal reinklicken möchte, wer sich inzwischen in der Chiemgauer Blogger-Szene so tummelt, dem sei diese Auflistung empfohlen!
Völlig neu war mir, wie gut auch die im Chiemgau lebenden Blogger/innen vernetzt sind. Da gibt es Netzwerke wie die "Iron Blogger" oder "Blog and Burger" sowie das Salzburger treffen "Salt and the city". So war es für mich ein Gefühl wie wenn man aus dem tiefsten Nebel des Chiemseeufers Richtung Hochfelln hinaufsteigt und auf einmal eine Ahnung bekommt, was in Sachen Bloggen allgemein und Bloggen im Chiemgau alles möglich ist.
Schön war es auf alle Fälle und ich hoffe auf eine baldige Wiederholung!

Hier noch der Link zu meinem Papablog:
Das Elterntagebuch 

PS: Schönen Gruß an dieser Stelle - falls sie es liest - an einen der besten im Chiemgau entstandenen Blogs, ans Sudelheft : )

Dienstag, 31. Oktober 2017

Unser Buchclub liest: Sven Regener - Wiener Strasse

Unser Buchclub Traunstein hat sich nach einem Jahr Planung  und einem halben Dutzend nie
besprochener Bücher tatsächlich ein erstes Mal getroffen.
Traunstein, das ist literarische Provinz. Während zeitgleich im Studio 16 die Chiemgau-Autoren e.V. gegen dieses Klischee anzustinken versuchten, brannte im Salon in der Steffgenstrasse der Buchclub Traunstein ein Tischfeuerwerk der heiteren Intellektualität ab. Zumindest in der Theorie. Denn einerseits war das Essen sehr gut und andererseits sabotieren zwei Kinder und ein Hund mit Verve die Entwicklung germanistischer Jahresbestleistungen. 
Egal, nach einigen Gläsern Wein traute sich die illlustre Gruppe, eine Runde "Mimikry - Das Spiel des Lesens" zu zelebrieren. Teilnehmer waren die internationale Süsswassermuschel-Koryphäe Dr. Stöckl, ihr Fiancee Karl, bekannt aus Buchbranche und Verlagswesen. Sowie Traunsteins ehemals zweitbester Schriftsteller,  der zusammen mit seiner Gattin Nicole die Gastgeberrolle innehatte.
Man war sich einig, dass das Buch von Beginn an fürchterlich auf die Nerven geht. Dies allerdings
ein Kompliment an den Autor darstellt. Denn das müsse man erst einmal schaffen, die Personenkonstellationen so aufeinanderprallen zu lassen, dass man nach drei Seiten jeden einzelnen für einen kompletten Vollidioten hält. Regener-Experte Karl, der als einziger alle vorherigen vier Bände des Frank-Lehmann Epos gelesen hatte, lobte gar, auch Wiener Strasse sei exakt so wie sich ein Fan dies wünschte.
Da der Rest erst zwischen 5 und 120 Seiten des Buches gelesen, einer gar das Buch beim Friseur vergessen und die anderen Mitglieder des Buchclubs aus terminlichen Verhinderungen rechtzeitig abgesagt hatten, verständigte man sich, nicht ÜBER das Buch zu reden, sondern das Buch zu SEIN.
Denn das ist die Aufgabe im Spiel Mimikry - erfunden im Umfeld von Holm Friebe, Philipp Albers und Wolfgang Herrndorf: Ähnlich wie im Spiel Nobodys Perfect muss jeder Teilnehmer den Anfang eines ausgewählten Romanes erfinden. Gewonnen hat, wer die meisten Mitspieler davon überzeugt, sein Romananfang sei der wahre bzw. wer den richtigen errät.
Vorgegeben ist nur der erste Satz. Im Falle von Wiener Strasse war dies: "Die Tür fiel zu und es war zappenduster."
So und jetzt seid Ihr dran: Welcher Romananfang ist der richtige? Macht mit bei

Mimikry - das Spiel des Lesens

Sven Regener: Wiener Strasse

Dr. Stöckl, Bernhard, Nicole

  1. Die Tür fiel zu und es war zappenduster. Jemand hatte die gesamte Wohnung schwarz gestrichen. Schwarz. Ein Schwarz das kein Licht reflektierte. Erwin konnte die Hand vor Augen nicht sehen. Aber er wusste, die Deppen waren alle da: Frank Lehmann, Chrissie seine Nichte und Karl.
  2. Die Tür fiel zu und es war zappenduster. Frank Lehmann versuchte mit beiden Armen, die Wände abtastend, den Lichtschalter in dem völlig schwarzen Raum zu finden, doch als er ihn nach einer Weile fand passierte - erstmal nichts. "Oh Menno, Erwin, das funktioniert ja mal überhaupt nüschd, wie sollen wir hier irgendwann einziehen?", schimpfte P.Immel aus dem Dunkel. "Halt du hier mal eben gleich den Rand, du hast gar nichts zu melden, du Pfosten!", schallerte es aus dem anderen Ende des Raumes zurück.
  3. Die Tür fiel zu und es war  zappenduster. Erwin stellte den Werkzeugkasten ab, den er für die Pfeifen mitgebracht hatte, denn das waren sie, Pfeifen, wie bin ich hier nur rein geraten, fragte er sich schon den ganzen Tag immer wieder rhetorisch, meist in Gedanken, manchmal auch laut, aber weder Karl Schmidt noch Frank Lehmann, der offensichtlich Karl Schmidts Lieblingskumpel war, noch HR und schon gar nicht Chrissie, seine Beknackte Nichte, hatten sich auch nur angesprochen oder sonstwie kompetent gefühlt, mal irgendwas darauf zu antworten
  4. Die Tür fiel zu und es war zappenduster. Was für ein Idiot dieser Vormieter doch war, der alle Räume seiner Wohnung schwarz tapeziert hatte. Das würde noch eine Ewigkeit dauern, bis die Wohnung wieder in einem Zustand ist, bei dem man nicht das Gefühl bekommt, in einem Sarg zu leben. Fraglich war, ob diese Idioten, die sonst nichts auf die Reihe brachten, das hinkriegen würden, dachte Erwin. Es würde doch nur wieder an ihm hängen bleiben.
Gewonnen hat übrigens keiner. Obwohl einer beinahe zum Text 2 tendierte, erwiesen sich alle als Wiener Strasse-Experten und errieten den richtigen Anfang.

Auflösung:

1) Bernhard 2) Dr. Stöckl 3) Sven Regener 4) Nicole

Mehr zum Spiel hier: Mimikry - Das Spiel des Lesens


Montag, 9. Oktober 2017

Meine Crew, meine Schreibschule, mein Autorennetzwerk

Die Memoiren von Traunsteins
zweitkleinstem Schriftsteller
Vergesst alles, was ihr jemals über Autoren und das Schreiben gehört habt! Schriftsteller sind keine Genies die den ganzen Tag in der finsteren Stube sitzen und Genialitäten aufs Papier bannen. Literaten brauchen Inspiration, brauchen ihre Gang, sie brauchen ihre Autorenkneipe! Kein namhafter Schriftsteller kam ohne seine Autorenbuddies aus. Ziemlich beste Freunde, manchmal Feinde, sie hassten und sie liebten sich. Sie waren gleichermaßen Konkurrenz und Inspiration. Was sie immer taten: Sie wirkten aufeinander ein, beeinflussten sich, bis das Werk des jeweils anderen neue Horizonte überschritt. Goethe chillte mit Schiller. Thomas Mann battlete sich mit seinem Bruder Heinrich. Hemingway feierte mit Scott F. Fitzgerald und der ganzen Pariser Gang. Es gab eine Weimarer Klassik, Heidelberger Romantik, eine Frankfurter Schule. 
Auch ein kleiner Hobbyautor im Chiemgauer Voralpenland, der für kurze Zeit einmal Traunsteins zweitbester Schriftsteller war, träumte davon, einmal Teil einer Autorenclique zu sein. Wenn er sinnierend über den Stadtplatz flanierte, saß er gedanklich in den Wiener Cafés. Dort trank er Schnäpse mit Kehlmann und Glavinic, lästerte mit Marco Michael Wanda über Stefanie Sargnagel und lugte verstohlen zu Vea Kaiser, unbestritten Österreichs zweitschönster Autorin, hinüber.
Dann las er, mindestens einmal zu oft, Herrndorfs Arbeit und Struktur und saß nächtelang mit Holm, Cornelius und Philipp im Prassnik oder spielte Fußball an der Bergstraße. So träumte der kleine Literat tagaus tagein davon, einmal Teil einer Autorenclique zu sein.
Doch mit der Zeit reichte ihm das Träumen nicht mehr. Er wollte wirklich echte Schriftsteller zum Freund haben. Autoren mit denen man über Schreibblockaden jammern und vom großen Opus Magnum fantasieren konnte. Gleichgesinnte, die die Sorgen des Schreibenden teilten und mit denen er legendäre Lesungen veranstaltete und Veröffentlichungserfolge feierte. 
Monat für Monat semperte er in weinseliger Stimmung beim Stammtisch der Chiemgau-Autoren von diesem großen Traum und fragte Michael Inneberger und Meike K. Fehrmann seufzend, ob sie ähnliche Träume hegten. 
Der kleine Literat suchte auch in Schrobenhausen, München und Barliano. Doch weder der Norbert noch der Arwed konnten ihm weiterhelfen. Und eine Gruppe Wildschweine zuckte grunzend die Schultern.
Es musste doch irgendwo in Bayern eine coole Clique spannender Autoren geben die Bock hatten, Abends gemeinsam Fußball zu spielen und danach ins nächste Wein-Beisl zu gehen und, vielleicht nicht gleich zu koksen, aber zumindest über Proust zu diskutieren. 
Dem kleinen Literat kam die Digitalisierung 4.0 entgegen. Auch wenn sie in seiner Heimatstadt noch um die Digitalisierung 1.8 herumdümpelte. Er nutzte sämtliche Social Media Kanäle und schrieb alle wilden Jungautoren an, die er bisher kennengelernt hatte: Den Fabian aus Würzburg, den Matthias aus München, den Ralf aus Passau. Doch auch sie hatten keine Ahnung, wie man eine coole Autorenclique gründen könne. 
Letztens holte er sich in Berlin Rat bei der Ronja, einem Mädel aus seinem Nachbardorf und bei ihrem Freund Tilman. Auch sie konnten ihm nicht dabei weiterhelfen, endlich in Gesellschaft supercooler Autoren Bier zu trinken und über Literatur zu diskutieren. Sie boten ihm mitleidig an, ihm Cornelius, Holm und Philipp vorzustellen. Aber leider hatten sie weder die Handynummer vom Glavinic, noch die Email von der Vea Kaiser. Deprimiert winkte der kleine Literat ab. 
Er würde weitersuchen! Irgendwo musste doch seine Crew, seine Schreibschule, sein Autorennetzwerk auf ihn warten! Spätestens am Montag beim Stammtisch der Chiemgau-Autoren würde er wieder nachfragen, ob nicht jemand einer passenden Literaten-Gang irgendwo begegnet sei. Er würde nicht aufgeben! Nein, er wird nicht aufgeben!

Sonntag, 8. Oktober 2017

Gibt es ein Arbeit und Struktur - Wiki?

Wolfgang Herrndorfs Blog "Arbeit und Struktur" ist auch in Buchform ein eindrucksvoll zu lesendes literarisches Werk. Der Mehrzahl der Leser, die nicht mit der Berliner Literaturszene vertraut sind, werden die vielen aufgeführten Namen, Örtlichkeiten und Querverweise zunächst wenig sagen. In den Internetsuchmaschinen landem demzufolge die Frage nach einem "Arbeit und Struktur Wiki" oder "Wer ist C?" dementsprechend weit oben.
Es ist zu erwarten, dass es eines Tages ein Arbeit und Struktur - Wiki geben wird. Zu wirkmächtig war die Literatur, die der Berliner Autor Herrndorf hinterlassen hat. Zudem ist Arbeit und Struktur eine einzigartige Mischung aus Autobiographie, Krankheitsbericht, Momentaufnahme der Berliner Literaturszene und vieles mehr.
So sinnvoll für die heutigen und späteren Leser ein Arbeit und Struktur - Wiki wäre, es bleibt ein schmaler Grad: Liest sich das Buch für den gewöhnlichen Leser wie ein letztes Zeitzeugnis eines todkranken Schriftstellers, so ist es für die Beteiligten ein noch nicht lange zurückliegender Live-Bericht eines mehr als drei Jahre währenden Dramas. Eines, das mit dem Tod des Freundes und Kollegen endete.
Da die literarische Bedeutung mit den Jahren voraussichtlich weiter steigen wird, stelle ich hier für interessierte Leser eine Linkliste zu wissenswerten Hintergrundinformationen zusammen die helfen könnten, "Arbeit und Struktur" in verständlicheren Kontext zu setzen:

Linkliste zum Thema Arbeit und Struktur


Der Werdegang von Wolfgang Herrndorf vom Maler zum Schriftsteller: Hier klicken

Eine Auswahl der in Arbeit und Struktur aufgeführten Personen: Hier klicken

Die Bücher: Literatur in Arbeit und Struktur: Hier klicken

Wer ist die ZIA? Die ZIA und der Bachmannpreis: Hier klicken

Eine schöne Stelle: Der Ort an dem Herrndorf starb: Hier klicken

Fotoserie zu den Orten in Arbeit und Struktur: Hier klicken

Holm Friebe über Wolfgang Herrndorf: Hier klicken

Die Zentrale Intelligenz Agentur ZIA 2006/2007: