Sonntag, 19. Februar 2017

Falco – Wie der Wiener Superstar bis heute inspiriert

Im Februar '98 beim Müller gekauft
Hans Hölzl, besser bekannt unter seinem Künstlernahmen Falco, wäre heute sechzig Jahre alt geworden. Beinahe zwanzig Jahre ist sein Tod her und es ist kaum zu fassen, wie sehr die Kunst dieses großen Musikers bis heute nachwirkt. Selbst für die Generation, die den Höhepunkt Falcos Karriere nur als Kindergartenkind erlebt hat. 
Falco, das war der Typ im Mozart-Kostüm, der im ORF Kinderwurlitzer rauf und runter gespielt wurde. „Rock me Amadeus“ konnte buchstäblich jedes Kind mitsingen. Und den Kommissar sowieso auch. Doch als die Kinder von damals größer wurden und sich für Musik zu interessieren begannen, war Falco nichts weiter als ein Relikt der Achtziger, dessen Songs auf der Fetenhits – NDW zu finden waren. Und es sollte noch schlimmer kommen: Auf dem Höhepunkt der Techno- und Eurodance – Welle hatte dieser Falco auch noch einen kleinen Hit in dem unfassbar schlechten Techno-Kracher „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“. Falco wäre vermutlich für meine Generation ein Phantom geblieben, ein abgestürzter Popstar der zwei Kinderfaschings-Hits gesungen hatte, wenn es nicht diesen tragischen Unfall in der Dominikanischen Republik gegeben hätte. Es gab weniger eine Massentrauer wie 2009 nach dem Tod von Michael Jackson, dafür war es schon zu lange still um Falco gewesen – es war eher eine Art Neugierde, die auch mich in den Plattenladen laufen ließ, um Falcos „Greatest Hits“ zu kaufen. Und so cruiste im Frühling 1998  ein Auto voller Teenager durch die Lande und lautstark wurde „Vienna Calling“ und „Coming Home“ gegrölt. Aber auf der CD war auch ein eher untypisches Falco-Lied, das mich mehr als all die Gassenhauer berührte: „Junge Römer“. Was war das denn? Singt der Latein? Dennoch blieb es „Jeanny“, das ich wochenlang anhörte. Und erstes Mal war Falco eine konkrete Inspiration. Ich schrieb kurze Texte im Stil von „Jeanny“. 
Schließlich wurde, nur drei Wochen nach seinem Tod, „Out oft he Dark“ veröffentlicht. Und es ist wohl nicht untertrieben zu behaupten, dass der Song einschlug wie eine Bombe. Es hatte weniger mit Falcos Tod zu tun, sondern damit, dass es ein wirklich starkes Stück Musik war. Und erst jetzt setzte sich eine feine Trauer fest: Was wäre das für ein Comeback gewesen. 
Aber Falco war tot und er verschwand auch aus meinem Leben wieder. Bis ich zum ersten Mal die Filmographie „Verdammt, wir leben noch“ sah. Es gibt wenige Filme deren Magie einen ganzen Lebensabschnitt prägt. Dieser hier war so einer. Ein erstes Mal lernte ich Hans Hölzl als Mensch und den ewig suchenden, ewig zweifelnden exaltierten Falco als Popstar kennen. Jahrelang ließ mich der Film nicht mehr los. Einen Fasching lang verwandelte ich mich zum Leidwesen meiner Frau sogar in Falco und nahm seine exaltierte Sprache an. In einigen Kurzgeschichten die ich schrieb, tauchte ein Hans auf, der sich wie ein Falco benahm. Bis in die Fingerspitzen inspiriert und begeistert von diesem Künstler, dessen Kunst ich erst jetzt begriff, ließ ich seine Musik auf mich wirken. Der Kinderfaschings-Sänger verwandelte sich in einen ekstatischen Musiker, der in Wiener Avantgarde-Bands gespielt hatte, dessen großes Vorbild David Bowie war und wenig mit dem Retorten-Popstar gemeinsam hatte, für den ich immer hielt. Natürlich zeigte auch der Film deutlich, dass Falco in den Achtziger Jahren in Flammen stand, viel zu schnell verglühte und als Künstler grandios gescheitert war. Aber diese Jahre, seine ersten drei Alben, waren noch größere Meisterwerke als ich es mir je erträumt hätte. Vor allem das „Junge Römer“ - Album haute mich regelrecht um. Beginnend mit dem Videoclip zu „Junge Römer“, der mich mehr berührt hat als alles was ich jemals zuvor auf MTV gesehen hatte. Das ganze Album ein noch heute modern wirkendes funk-lastiges Meisterwerk. Zum Lied für die Ewigkeit entwickelte sich der Titelsong. Noch heute, Jahre später, beginnt es in mir zu kribbeln, sobald es heißt „Der Lorbeerkranz, ein neuer Tanz schwingt Rhythmus in die Hüften der Stadt…“ Unzählige Texte habe ich in diesem Geist verfasst und keine Schreibblockade kommt an gegen dieses Lied, das ich zum inspirierendsten meines Lebens küren möchte.

Und natürlich noch Falcos Debüt, „Einzelhaft“. Fast jeder Titel hätte eine Singleauskopplung werden können. Lieblingssong darauf inzwischen „Zuviel Hitze“. Falcos Kokettieren mit Kokain. Und auf einmal macht selbst „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ wieder Sinn.
Sechzig Jahre wäre er heute alt geworden. Und längst betrauere ich seinen Tod. Anders als bei Michael Jackson, David Bowie und all den Stars die die letzten Jahre verstorben sind, ist in Falcos Fall zu vermuten, dass da noch ein großes Spätwerk gekommen wäre. So ganz überraschend – out of the dark.


Mehr dazu:

Die Kurzgeschichte "Junge Römer": Hier klicken

Montag, 13. Februar 2017

Erinnerung an Sebastian Straßer, meinem Papa

Ich und mein Papa als er etwa so alt war
wie ich heute
In Erinnerung an den 13.2.2012:

Sebastian Straßer kam 1943, inmitten des Weltkrieges, als drittes von vier Kindern der Eheleute Hans und Rosina Straßer zur Welt. Seine Kindheit war geprägt vom frühen Tod des Vaters, der während einer Haft wegen Aussagen gegen das Hitler – Regime an Tuberkulose erkrankte und an den Folgen verstarb. 
Die Familie verbrachte, auch weil der Vater lange Zeit nicht als Kriegsopfer anerkannt wurde, die Nachkriegsjahre in großer Armut. Trotz dieser Zeit der Entbehrungen, hatten sich diese Kindheitstage auch als Zeit von großem Glück in seine Erinnerung geprägt und Bescheidenheit, Dankbarkeit für das Vorhandene und die Liebe zur Natur wurden zu seinen typischen Wesenszügen.
Später kam die Begeisterung für den Sport hinzu: Für den Fußball, für die Leichtathletik, letztendlich natürlich für das Radlfahren, das er bis zuletzt betrieben hat.
Ihm war ein besonderes Talent zu Eigen, sich das Leben, auch in widrigen Umständen, lebenswert zu gestalten. Zwei Jahre Wehrpflicht nutzte er, um sich als Mulitreiber täglich an der Natur und der Freiheit der Berge zu erfreuen.
Mit seinem Sold ersparte er sich diszipliniert ein Haus, das er an seinen geliebten Bach, der Götzinger Ache, erbaute. Nach seiner Heirat mit Lilli Peschl wurde er Vater von drei Kindern, die er als liebevoller Vater in diesem Haus am Bach großzog.
In seinem ersten Beruf als Schlosser erkannte er rasch, dass er nicht seine Erfüllung war und er begann eine Beamtenlaufbahn bei der Grenzpolizei Laufen, wo er bald als gut gelaunter Grenzer bekannt wurde. Eine Hüfterkrankung machte ihn im Alter von nicht mal 55 Jahren zum Frühpensionär und schenkte ihm viel Zeit für seine Familie und die Radlausflüge in die Natur. 
Das einschneidendste Ereignis, nachdem seine Kinder erwachsen und von zu Hause ausgezogen waren, war allerdings der Tod seiner Frau Lilli, die er in ihrer Krankheit bis zum Ende in Liebe begleitet hatte.
In seinen eigenen letzten Jahren als Witwer schien es, als kehrte er in seiner Lebensweise zurück in seine Kindheit, seine Jugend. Ganz so wie in einem seiner Leitsprüche: „Ihr sollt werden wie die Kinder, denn ihnen gehört das Himmelreich“. 
Er lebte alleine in seinem Haus, ganz einfach und bescheiden. Das was er hatte, verschenkte er, wie selbstverständlich, an Familie und Freunde. 
Er widmete sich leidenschaftlich seinem neuen Hobby, dem Binden von Naturkränzen und nutzte seine ausgedehnten Radtouren zum Sammeln von Materialien. Seine kunstvollen Kreationen spendete er für gute Zwecke oder verschenkte die Kränze an alle, die er mochte und die es ihm zu danken wussten. 
Der Wasti wurde nun zu dem Freigeist, der er immer war, den er aber lange unter den Konventionen der Gemeinschaft unterdrückt hatte. Er lebte so, wie es ihn glücklich machte. 
Er fuhr sonntags mit dem Rad nach Salzburg, lauschte der Musik während der Messe im Dom und stibitzte nachmittags im Schlosspark Klessheim einige Zweige für seine Kränze.
Er liebte die Salzburger Großstadtatmosphäre und war zuletzt Stammkunde in der Bibliothek Salzburg. Nachmittags saß er dann auf einem selbst konstruierten Floß auf der Ache, im Schatten der Bahnunterführung vor Anker liegend und las Fachbücher über Psychologie oder Bibliographien der Persönlichkeiten seiner Jugend.
Der Wasti nannte sich selbst gesellschaftsscheu, mochte keine großen Feiern und dennoch liebte er die Menschen, jeden einzeln für sich und pflegte intensive Freundschaften zu den Menschen, die ihn faszinierten, oder von denen er sich verstanden fühlte.
Natürlich hatte er noch Pläne. Er wollte seine Insel, auf die er so stolz war, zum schönsten Kleinod weit und breit ausbauen, er wollte noch einmal auf Reisen gehen und die kommenden Enkelkinder stundenlang spazieren fahren.
Natürlich ist sein plötzlicher Tod ein großer Verlust und ein Schock für alle, die ihn in seiner exzentrischen Art liebgewonnen hatten.
Aber, wenn wir in unsere Herzen horchen, dann wissen wir, dass der Wasti sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes erfüllt hat: Er hat erfüllend gelebt. Er hat die Aufgaben, die ihm Gott stellte, erfüllt.
Er war sich in seinen letzten Momenten bewusst, dass er sich in einer Situation befand, in der es um Leben und Tod ging. Er hinterließ auch beim Krankenhauspersonal einen tiefen Eindruck, als er sich mit seinem letzten Satz bei ihnen bedankte: „Danke für die liebevolle Pflege“, sagte er. Er war ganz ruhig und ohne Angst, als er für eine Notoperation in München vorbereitet wurde. 
Auf dem Weg zum Hubschrauber hörte sein Herz auf zu schlagen. Fast konnte man meinen, es sei sein Wille gewesen, friedlich einzuschlafen. 
Er starb an einem Riss im Herzen. 
So erfüllt sein Leben bis zuletzt war und so schmerzhaft und überraschend uns der Verlust erscheint: Letztendlich hat er sich nun wohl seinen größten Wunsch erfüllt: das Wiedersehen mit seiner geliebten Frau Lilli.

Und hier noch ein Text den ich damals geschrieben habe: http://schreibboheme.blogspot.de/2016/12/die-toten-auf-dem-rucksitz-1-pfeil-und.html

Dienstag, 7. Februar 2017

Leben und Laufen am Fluß

Die Ache nach den Bauten zum Hochwasserschutz
Wenn ich einmal gehen werde, werde ich sagen können, dass mein Leben im Fluss war. Oder am Fluss war. 
Mein Geschenk war das Wasser. Ich wuchs am Wasser auf und suchte den Rest meines Lebens in allen Orten, in denen ich lebte, in allen Städten, die ich besuchte, stets das Wasser.
Einundzwanzig Jahre meines Lebens erwachte ich mit dem Plätschern des Baches, der Ache in Kirchanschöring. Ich war barfuß, in Sandalen, in Gummistiefeln den Bach hinauf und hinab gewatet, habe im Wasser gebadet und bin am Ufer in einer Hängematte gelegen und habe nachgedacht.
Der Bach war stets da wie eine Selbstverständlichkeit und Wasser ist nicht nur Leben, Wasser ist, ganz subjektiv, mein Leben.
Spokane River Falls
Das Leben ist im Fluss und Kinder wachsen, werden zu erwachsenen jungen Menschen. Meine Volljährigkeit erlebte ich nicht mehr im beschützten Zuhause am Bach. Als Suchender zog es mich in die Welt hinaus und lebte ein erstes Mal in einer Siedlung die größer war als die Nachbarstadt. Allerdings wohnte ich nicht mehr am Bach. Der Fluss, das Wasser, war kilometerweit entfernt. Der Fluss hieß wie die Stadt in der ich lebte: Spokane. Mit der Schneeschmelze verwandelte sich der Spokane River in ein reißendes Gewässer und die Spokane River Falls boten ein so spektakuläres Schauspiel, dass wir mit der Schulklasse hinunter zum Fluss spazierten. Spokane blieb die einzige Stadt meines Lebens, in der ich nicht regelmäßig das Gewässer aufsuchte.
Am Rhein bei Mannheim
Nach der Zwischenzeit zurück am Bach lebte ich ein Jahr lang in einem Ort, dem gleich zwei Gewässer seinen Namen gaben: Prien am Chiemsee. Durch das Priental wanderte ich mit Schulklassen und brachte den Kindern die Natur näher. Zum Chiemsee lief oder spazierte ich fast jeden Tag. Ich las dort, ich schrieb dort. Ich arbeitete an einem Umweltstudienplatz, dessen Lehren sich rund um das Wasser drehten. Seit meiner Zeit dort brauche ich ein Gewässer, um Sport zu treiben. Es gibt Läufer, die nur am Wasser entlang laufen können. Ich bin einer von ihnen.
Mit den Aufgaben wuchsen die Orte und mit den Orten die Flüsse. Schließlich joggte ich regelmäßig den Rhein entlang. Der größte der
Neckar in Heidelberg
heimischen Flüsse wurde mir zum Denkanstoß und zur Muse zugleich. Ich lernte dort auf meiner Bank, schrieb und vor allem las ich dort. Am Ufer wurde gefeiert und die Nächte am Rhein waren für die Ewigkeit. Wer einmal in diesem Fluss geschwommen ist, den lässt er nicht mehr los.
Den zweiten Fluss der Mannheim durchzog, den Neckar, erwanderte ich meistens im Nachbarort. In Heidelberg. Stundenlang spazierte ich am Neckarufer und tausend Sehnsüchte vergangener Zeit spiegelten sich in seinem Wasser. 
Auch die größten Jahre im Leben eines jungen Menschen haben einst ein Ende und die Stadt wurde wieder kleiner und der Fluss schmaler. Rosenheim ist bekannt für den Inn. Mein Fluss aber war die Mangfall. Es gibt wenig schönere Orte, als die Mangfall im Sommer stromaufwärts zu laufen. So fremd mir die Stadt blieb, so sehr habe ich das Ufer der Mangfall geliebt.

Mangfall in Rosenheim
Schließlich die Heimkehr in die Stadt, in der ich geborgen wurde. Der Fluss hier heißt Traun und mein Weg führte mich entweder am Traunstein vorbei Richtung Haslacher Mühle. Oder in entgegensetzter Richtung zum Klobenstein. Hier gingen viele große Köpfe vor mir spazieren. Ludwig Thoma, Thomas Bernhard, Josef Ratzinger. Ich hätte sie alle überholt…
Spaziergänge an folgenden Flüssen sind übrigens in mein Buch "Sterne sieht man nur bei Nacht" geflossen: Traun, Pegnitz, Seine... Mehr dazu hier: 


Entlang der Traun zu den Felsen:

Samstag, 21. Januar 2017

Joachim Meyerhoff und diese entsetzliche Lücke

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Joachim Meyerhoff ist everbodys darling. Aber seien wir uns mal ehrlich: Wer liest freiwillig ein Buch mit so einem sperrigen Titel? Auch noch ein Buch in dem es um Großeltern geht. Ich war nach „Amerika“ ein Fan von Meyerhoff. Allerdings ein strenger. Und mit seinem zweiten Buch (ähnlich sperriger Titel: „Wann wird es wieder so, wie es nie war“) wurde ich (bis jetzt) nicht warm. Was interessierte mich also die „Lücke“, die ja niemand anderes als Meyerhoffs verstorbener Bruder sein konnte, den der Leser bereits im ersten Buch betrauert hatte. Man muss jetzt wissen, dass Meyerhoff autobiographisch schreibt. Wenigstens tut er so, denn ein klein bisschen unzuverlässig ist sein Erzähler schon. Und Meyerhoffs mittlerer Bruder starb, als er noch ein Teenager war. Sollte es also wieder darum gehen? So blieb das Buch lange auf dem Couchtisch liegen und auch die Lachanfälle meiner Frau bewegten mich nicht, es selbst zu lesen. Ich wagte es schließlich doch. Und so routiniert – im Sinne von mich nicht überraschend -  ich seinen Erzählstil zunächst empfand, ist es ihm dennoch gelungen mich in einigen Passagen vom  Hocker zu hauen. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Meyerhoff schreibt humorvoll, überaus sensibel wenn es um Tod und Verlust geht und bei aller Leichtigkeit ist es dennoch keine leichte Lektüre. Die Welt die er beschreibt ist fantastisch, da unsereins fremd: Erst das Amerika der späten Achtziger Jahre. Schließlich das Leben in einer Irrenanstalt. Und nun in der „Lücke“ der herrschaftliche Alltag seiner liebenswerten Großeltern in Nymphenburg sowie seine Lehrzeit auf der Otto-Falkenberg-Schauspielschule in München. Die Beschreibungen der Großeltern, die den Tagesablauf durch Alkoholika takten sind verschroben und liebevoll zugleich und man wünscht Meyerhoff, dass er nichts literarisch übertreiben musste und sich alles haargenau so abgespielt hat wie beschrieben. Eine kleine Sternstunde erreicht das Buch, als Meyerhoff seinen ersten Tag an der Schauspielschule beschreibt: Zunächst eine „Vorstellungsrunde“ in der sich die jungen Schauspieler eine Stunde lang anschweigen und nur mit Blicken kommunizieren, bis sich die ersten an die Gurgel gehen wollen. Fantastisch. Und kurz darauf die Beschreibung einer „Maschine“ aus Körpern in der die Schauspieler, eine Geste und einen Ton wiederholend, zu einem sexuell aufgeheizten ekstatischen Gebilde verschmelzen. Unmöglich in Worte zu fassen, man muss diese grandiose Szene gelesen haben und sie zeigt wie virtuos Meyerhoff erzählen kann. Auch spätere Theatermomente wie die Proben zu einer Faust-Inszenierung in den Münchner Kammerspielen sind so wuchtig beschrieben, dass man bereut, die Aufführung nie gesehen zu haben. Und auf einmal ist man wieder drin im Sog eines Buches. Man lacht und leidet mit dem Helden und offen bleibt nur eine
Ein Buch, das jeder einmal in seinem Leben
geklaut haben sollte!
Frage: Warum in aller Welt will dieser junge Meyerhoff des Buches eigentlich Schauspieler werden? Im nie enden wollenden Understatement beschreibt er sich als miesen Schauspielschüler der einen Misserfolg nach dem anderen erträgt und alles andere fühlt als Leidenschaft für seinen Beruf. Man sieht schon den Band vor sich, in dem er von seinen – im Buch natürlich völlig missglückten – Anfängen als Schriftsteller berichtet. Die Lücke erklärt sich schließlich doch noch. Es ist nicht der Bruder. Es ist ein Zitat aus dem Werther und schon ist man mit dem Buch wieder versöhnt. Und herrlich sind auch die Beschreibungen der Werther-Inszenierungen: Ich spoilere hoffentlich nichts, wenn ich anführe, dass Meyerhoff sich darauf beschränkt, den Moment des Schusses der Werthers Leben beendet zu beschreiben. Hunderte Werther-Aufführungen werden reduziert auf den Schuss. Schuss vor Schulklassen. Schuss vor schluchzenden Rentnern. Schuss vor einem begeisterten Leser. 
In der vielleicht bekanntesten Szene des Buches – er hat sie beim Bachmannpreis vorgelesen - klaut Meyerhoff übrigens ein Buch aus dem Hugendubel am Marienplatz. Fotografien einer verletzten Hyäne die sich selbst auffrisst, bewegt ihn so sehr, dass er das Buch unbedingt haben muss und es in einer spektakulären Verfolgungsjagd stiehlt. Ich habe das Buch gegoogelt, es war der Band „Life – die ersten zwei Jahrhunderte“. Da man es nirgends mehr klauen konnte, habe ich es auf Ebay gekauft. Und musste – wie wahrscheinlich zahllose Meyerhoff-Fans außer mir – feststellen: Alle beschriebenen Fotografien sind im Bildband. Bis auf das der Hyäne… Scheiß unzuverlässiger Erzähler!

Dienstag, 17. Januar 2017

Gedanken über das vereinte Europa

Noch keine dreißig Jahre ist es her, da durchschnitt ein tödlicher sogenannter „Eiserner Vorhang“ unser Europa und trennte es in zwei Hälften. Eine friedliche Revolution der Menschen, die im unfreien Teil dieses Europa lebten, ebneten den Weg zu einem freien, geeinten Europa.
Vor 25 Jahren schlossen sich Staaten, die sich jahrhundertelang heftig bekriegt, den Kontinent mehrmals in Schutt und Asche gebrannt hatten, zu einem vereinten, friedlichen Europa zusammen. Was als eines der größten Menschheitsprojekte zur Sicherung des Friedens begann, ist 25 Jahre später durch tiefe Risse beschädigt. Risse der Trägheit, der Selbstverständlichkeit, des Überdrusses. Eine Zerrissenheit der europäischen Staaten, die in den Augen ihrer Bürger nichts weiter als eine Wirtschaftsunion, eine monetäre Zweckgemeinschaft bilden.
25 Jahre gestalteten die Menschen im vereinten Europa ihre Zukunft in Freiheit und Selbstbestimmung. Und in Frieden. Wie konnte es geschehen, dass dieses einst so mutige und visionäre Projekt auf wachsende Verachtung stößt – sowohl von außen als auch von innen? In welcher neuen Welt ist es möglich, die Grundfeste dieser Gemeinschaftsburg, die für Wohlstand, Wohlfahrt und Schutz vor einem neuen großen Krieg sorgen sollte, abzutragen, Stück für Stück zu schleifen?
Europa hat Fehler gemacht. Vielleicht war die Vision eines geeinigten Kontinents eine zu große Utopie. Aber das in den 25 Jahren und den Jahrzehnten zuvor bis heute erreichte aufzugeben, kann nicht weniger als DER Kardinalsfehler einer ganzen Generation, wenn nicht sogar vieler folgender sein.
Mit dem Erstarken autoritärer Präsidialstaaten wie zuletzt in Russland, aktuell in der Türkei - wer schließt nach den neuesten Ereignissen mit Gewissheit die USA aus ?– nach all den Erdbeben auf der politischen Landkarte bliebe die EU als die letzte wichtige Konstante der Demokratie zurück. Wenn... Wenn sie den Zersetzungsversuchen von außen, von Trump bis Putin standzuhalten vermag. Wonach es gerade nicht aussieht.

Europa ist fett und träge geworden von seiner Freiheit. Alles deutet darauf hin, dass wir die erste Generation seit dem (kalten) Krieg sind, die ihre Demokratie, ihre Werte, ihre Freiheit verteidigen werden müssen. Noch ist unklar, ob unsere Generation dazu fähig sein kann. Oder ob sie sich, in Trägheit und Passivität ergeben, den Kräften, die längst ihre Zersetzungsarbeit begonnen haben, ergeben werden. 

Mehr zum Thema:

Sonntag, 8. Januar 2017

Chiemgau-Krimis, die noch NICHt veröffentlicht wurden:

Ina May – Gaskin, die Hebamme von der Fraueninsel

Kriminell geht es zu auf der Fraueninsel!
Inhalt: Die erfolgreiche Krimi-Autorin Ina May hat ein Problem: Googelt man ihren Namen, taucht anstatt ihrer Autorenseite stets eine Hebamme namens „Gaskin“ auf. Wie kann es sein, dass eine einfache Hebamme in den Suchmaschinen als relevanterer Treffer gilt als die Krimiautorin? Ina May nutzt ihre Spürnase und findet heraus, dass Gaskin auf der Fraueninsel am Chiemsee als Hebamme praktiziert.
Als sie selbst auf die Fraueninsel übersetzt, um sich im Kloster nach Gaskin zu erkundigen, stößt sie auf ein dunkles Geheimnis: Warum benötigt ein Frauenkloster eine Hebamme? Wer sind die schwangeren Frauen, die regelmäßig die beschwerliche Überfahrt zur Fraueninsel auf sich nehmen, um dort zu gebären? Und warum werden diese stets von einem katholischen Würdenträger begleitet? Bald entdeckt Ina May, die beharrlich ihre Nachforschungen fortsetzt, auf eine Gruft in der nur Säuglinge begraben sind. Als sie endlich zu Gaskin der berühmten Hebamme vorgelassen wird, ahnt Ina May längst, dass sie sich auf einen tödlichen Gegner eingelassen hat. Wird Ina May nach dem Treffen mit Gaskin die Fraueninsel lebend verlassen? Und wird Ina May jemals diesen Krimi schreiben?

Hier gehts zu den echten Krimis von Ina May: http://www.inamay.de/
Und hier zur echten Ina May Gaskin:  https://de.wikipedia.org/wiki/Ina_May_Gaskin

Kommissar Brand und die Sache mit der Hormonbombe


Der beste Chiemgau-Krimi
aller Zeiten!
Im zweitbeliebtesten Rosenheimer Rotlicht-Etablissement, dem „L’amour" ist eine Angestellte explodiert. Die gern gebuchte Prostituierte Alina hat es buchstäblich zerrissen. Ein Fall für den Routinier unter den Rosenheimer Ermittlern, Kommissar Brand. Zusammen mit seinem tollpatschigen Assistenten Sebastian Bast versucht Brand das grausige Verbrechen aufzuklären. Sticht Brand in ein Wespennest, als er im Rosenheimer Rotlichtmilieu ermittelt? Und was hat der arabischstämmige Mahmud mit der ganzen Sache zu tun? Wie ist der Stadtrat involviert? Und welche Rolle spielt eigentlich sein Assistent Bast? Kommissar Brand wird auch diesen Fall lösen!

Ihr wollt mehr davon lesen? Klickt mal hier rein: https://www.chiemgauseiten.de/b%C3%BCcher/texte-und-kurzgeschichten/kommissar-brand/

Freitag, 30. Dezember 2016

Literatur- und Bücherblogs die ich WIRKLICH gut finde:

An Bloggern rund um Bücher und Literatur gib es bekanntlich keinen Mangel. Die meisten von ihnen betiteln sich allerdings als "Lesejunkies", "Buchsüchtig" oder Ähnlichem. Was meines Erachtens darauf hindeutet, dass eher Masse denn Klasse bevorzugt wird. Auf der Suche nach Bloggern, die entweder junge spannende Literatur präsentieren, oder Bücher besprechen die nicht nur der Unterhaltungsbelletristik zuzuordnen sind, wird es etwas schwieriger. 
Ich habe dennoch einige Blogs entdeckt die ich seit einiger Zeit verfolge und trotz meiner hohen Ansprüche uneingeschränkt weiterempfehlen möchte:


Buzzaldrins Bücher


Mara Giese hat es geschafft, inzwischen zu den einflussreichsten Buchbloggern zu gehören. Selbst mich hat sie überzeugt, da sie eine recht breite Auswahl interessanter Belletristik in ihrem Blog bespricht und auch vor literarisch schwereren Brocken nicht zurückschreckt. Ihre Leidenschaft für Literatur und Bücher ist ansteckend! http://buzzaldrins.de/

Sudelheft


Ronja von Rönne braucht man nicht mehr groß vorstellen. Auch abseits ihrer Kolumnen für die Welt, Glamour etc. ist weiterhin ihr Blog, mit dem sie einst erste Aufmerksamkeit erlangte, sehr lesenswert. Ronja von Rönne postet spärlich. Aber wenn sie etwas zu berichten hat, ist dies stets humorvoll und gleichzeitig geistreich.  http://sudelheft.blogspot.de/

Schreibader


Fabian Bader ist einer der hoffnungsvollen Jung-Autoren aus Süddeutschland. Auf seinem Blog findet sich teils Literatur, teils Kommentare und Kolumnen. Aktuell betreibt er das Projekt "Literatur statt Knoppers", in dem er täglich in Deutschland um Halb Zehn literarisches postet. https://fabianbader.de/

Das Bücherwurmloch


Mareike Fallwickl aus dem Salzburger Land inszeniert sich gern als das freche Mädel unter den Buchbloggern und irgendwie ist sie es auch. Ob man sie mag oder nicht, ihr Blog ist interessant. Sie präsentiert Belletristik abseits der Bestsellerlisten. Und wenn ihr eine Lektüre mehr Zeiträuber denn Lesevergnügen war, dann sagt sie das auch. Grandios zu lesen sind auch ihre Twitter-Kurzzeiler die sie als entnervte Mutter gerne abzusetzen pflegt...  http://www.buecherwurmloch.at/

Schreibbohéme


Eine Mischung aus den bisher genannten Blogs ist die Schreibbohéme. Einige jüngere Auforen haben sich zusammengetan, um über das Schreiben und Texte zu bloggen. Darunter einige hochtalentierte Jung-Autoren von denen man künftig sicher noch mehr hören bzw. lesen wird! Noch ist das Projekt in den Kinderschuhen, aber das bisher gebotene lässt Potential erahnen.  http://schreibboheme.blogspot.de/