Mittwoch, 14. Juni 2017

Der Schriftsteller und der Abgrund

Als Autor in der Schule
Mancher Künstler schuf seine größten Werke, wenn er an der Klippe eines tiefen Abgrundes stand. Wenn Kleinigkeiten darüber entschieden, ob ein großes Werk geschaffen oder der Künstler vernichtet wird. Vor einem Jahr begann in meinem Leben eine schwer auszuhaltender turbulenter Monat. Es schien als habe die Zeit der Ernte begonnen. Mein großes Buch über das Sterben, an dem ich sechs Jahre gearbeitet hatte, stand kurz vor der Veröffentlichung. Ich war als einer der Kulturschaffende auf eine Podiumsdiskussion mit dem Bürgermeister eingeladen und stand mit Familie von Rönne in Kontakt, um Ronjas erste Lesung zu Hause zu organisieren. Zugleich wurde mein Debütroman gerade als Lektüre in einer Elften Klasse durchgenommen. Meine Laufbahn als Autor hatte eine faszinierende Dynamik angenommen und noch ahnte ich nicht, dass dieser Monat genügend Stoff für weitere schicksalhafte Romane bieten würde. 
Ronja von Rönnes Lesung zu Hause
Am 4. Mai sprach ich vor der Schulklasse der Hotel und Tourismusschule Traunstein und beantwortete alle Fragen zu den "Kleinstadtrebellen" Gegen Ende fragte mich ein Schüler, warum ich immer über den Tod schreibe. Ich war irritiert, weil mein erstes Buch nicht primär vom Tod handelte. Aber der Schüler hatte recht. Auch Peters Liebe zu den Kleinstadtrebellen wurde durch einen Schicksalsschlag ausgelöst. 
Mit der Frage im Kopf, warum ich stets über den Tod schrieb, kehrte ich zurück. Kurz darauf ein Anruf. Meine Schwester. Ihr Mann ist tot. 
Er war unheilbar krank. Dennoch taumelte ich, der ich eine Stunde zuvor noch ein ambitionierter junger Schriftsteller war, verstört und verzweifelt ins Krankenhaus. 
Wenige Tage nach der Beerdigung fuhr ich mit meiner Familie zur lang geplanten Literaturwerkstatt nach Barliano in der Toskana. Die Familie war gezeichnet, mein Schreiben verstummt. Nach einigen Tagen in dieser atemberaubend schönen Landschaft erholten wir uns langsam von den schicksalhaften Tagen und Wochen. Kaum begannen wir wieder zu lachen, der nächste lebensverändernde Anruf: mein kleiner Neffe, auf dessen Geburt wir uns alle freuten, würde tot zur Welt kommen. 
In Barliano kurz vor der nächsten Horrornachricht
Innerhalb weniger Sekunden stürzte das ohnehin fragile Leben erneut in sich zusammen. Mein Buch, Ronjas Lesung, die geplanten Auftritte - alles nichtig. 
Wir befanden uns mitten in einer Gemeinschaft, lebten auf engem Raum mit den anderen Autoren und die nächsten Tage wurden zur extremen Stressituation für die Familie. 
Anstatt zwanglos zu schreiben, kippte der Aufenthalt in Krisenmanagement. Das Unaussprechliche konnte nicht in Worte gefasst werden. Wie hätten die Mitbewohner auch nur im Ansatz verstehen können, was meiner Familie innerhalb von zwei Wochen passiert war?
Erst Monate später begann ich darüber zu schreiben. Und bald schrieb ich über nichts anderes mehr. Jeder einzelne Text beinhaltete entweder Barliano oder ein Glioblastom oder ein totes Kind. Oder alles zusammen. 

"Herr Strasser, warum schreiben sie immer über den Tod?"

"Weil der Tod mein Leben ist."

Samstag, 3. Juni 2017

Was Haruki Murakamis Romane mit Astralreisen gemeinsam haben

Über das Entstehen magischer Literatur

Haruki Murakami und William Buhlman, amerikanischer Autor und Para-Wissenschaftler, haben auf dem ersten Blick rein gar nichts gemeinsam. Der eine schreibt Literatur auf Nobelpreisniveau, der andere ist bekannt für seine Bücher zum esoterischen Thema "Out of Body- Experience (OBE =Astralreisen). 
Dabei handelt es sich um das Verlassen der Seele oder des Bewusstseins des Körpers. Auch bekannt unter den Begriffen Astralreisen oder Schamanische Reise. Buhlman beschreibt in seinen Büchern Techniken, wie dieser - wissenschaftlich umstrittene - Zustand herbeigeführt wird. 
Zudem - und jetzt wird es interessant - schreibt Buhlman über die Erlebnisse, die er in den Zuständen des "den Körper Verlassens" erlebt. Und hier beginnt die Verbindung zu Haruki Murakamis Werk: Laut Buhlman ist die erste Schwelle den Körper zu verlassen, eine starke Schwingung, ein Schwingungszustand, der dazu führen kann, dass sich Körper und Geist voneinander lösen. Buhlman beschreibt, wie er zu Beginn einer Astralreise plötzlich durch das Gemäuer des Schlafzimmers schwebte. Zudem berichtet Buhlman von einem Paralleluniversum das er in seinen "Out of Body"-Erfahrungen erlebt: Dieselben Menschen der Realität - aber auf unbestimmte Art verändert. 
Erinnert man sich an Murakamis Großwerk 1Q84, gibt es zu Beginn eine Schlüsselszene in der Aomame an der Autobahn eine Eisentreppe hinabsteigt - und fortan in einem anderen 1984 landet. Murakami beschreibt ein Donnern, Vibrieren und Wind. Man muss nun wissen, dass man in einigen Meditationen die zu einer Astralreise führen, in Gedanken eine Treppe hinauf oder hinabsteigen muss. Weitere Merkmale einer beginnenden Astralreise sind neben der Schwingung (Vibration) laute Akkustikphänomene (Donnern) und das Empfinden eines Astralwindes. Kennern des Themas scheint es, dass Murakami hier verklausuliert den Beginn einer Astralreise als Erklärung für das Paralleluniversum aus 1Q84 beschreibt. 
Beim ersten Mal lesen hielt ich dies für eine amüsante Spekulation meinerseits und dachte noch, dass mir beim interpretieren die Gäule endgültig durchgegangen seien. 

Eine neue Interpretation für Murakamis Bücher?


Dann aber las ich Murakamis etwas älteres Buch Sputnik Sweetheart aus dem Jahr 1999.
Es befindet sich thematisch in einer Reihe mit 1Q84 und "Sputnik Sweetheart" könnte auch als Vorläuferbuch von 1Q84 bezeichnet werden. Auch darin beschäftigt sich Murakami mit dem Thema zweier paralleler Welten. Vielleicht ein Zufall, aber auch in diesem Roman gibt es Indizien und Parallelen zu den Astralreisen wie sie Buhlman beschrieben hat: Das Erwachen zum Höhepunkt der Nacht gegen vier Uhr ist die ideale Zeit, um eine Out of Body Experience auszulösen. Gefühle wie Körperlosigkeit ergänzen das Bild. Murakami beschreibt seine Figuren zweitweise so körperlos, als befänden sie sich gar nicht mehr bei sich, sondern schwebten auf - eben einer Astralreise.
Auch bei einer Szene aus "Mister Aufziehvogel" ist mir eine frappierende Ähnlichkeit zu Buhlmans Beschreibung des "durch Mauern Schwebens" aufgefallen: In einem Brunnen gefangen, hat der Protagonist während eines meditativ-dahinvegetierenden Zustandes mehrmals das Gefühl, sein Kopf dringe in das Ziegelwerk des Brunnens ein. 
Bestimmt lassen sich noch mehr Beispiele finden. Da das Phänomen des Astralreisens gesellschaftlich (noch) ein Tabuthema ist und niemand offen zugeben würde, wenn er diese Technik beherrscht, ist denkbar, dass Murakami zu den Menschen gehört, die zumindest Erfahrung darin besitzen. Oder er hat seinerseits Buhlman gelesen und sich von den faszinierenden Geschichten der "anderen Welt" inspirieren lassen. 
Wie dem auch sei - sie beweisen einmal mehr, wie facettenreich Murakamis Arbeit ist. Und wer nicht die Zeit hat, sich durch die über tausend Seiten von 1Q84 zu wälzen, dem sei das wesentlich schmalere aber nicht weniger eindrucksvolle "Sputnik Sweetheart" wärmstens empfohlen!

Samstag, 15. April 2017

Lektüre: Takis Würger - Der Club

Takis Würger - Der Club
Von Takis Würger wusste ich nichts. Außer, dass er sich manchmal als Ronja von Rönne verkleidete und mal - warum auch immer - mein Autorenportrait auf Instagram geliked hatte.
Auf der Leipziger Buchmesse starrte mich dann dieser Riese an, der aussah wie Takis Würger und da er keine Anstalten machte, es nicht zu sein, kaufte ich ihm ein Buch namens "Der Club" ab.
Und was soll man sagen: Nach den ersten Kapiteln könnte man fast ausflippen vor Neid, wie dicht und berührend die Kindheit von Hans Stichler beschrieben wird. Danach war ich beinahe erleichtert, dass das Drama zu einem Krimi im Cambridge-Milieu wurde. Meine Hoffnungen, dass die Story dadurch abflachte, erfüllten sich allerdings nur kurz. Denn obwohl ein Großteil von "Der Club" nicht ohne Augenzwinkern und mit (hoffentlich) überspitzten Charakteren beschrieben wird, das Lachen bleibt einem bald im Halse stecken, so einfühlsam beschreibt er wenigstens seine beiden Hauptprotagonisten Hans und Charlotte. 
Auf der Leipziger Buchmesse
Beide lernen sich in der britischen Elite-Universität Cambridge kennen. Hans, ein hoch talentiertes Waisenkind, dessen Eltern früh starben, wurde von seiner Tante Alex nach Cambridge eingeschleust, um einem Verbrechen auf die Spur zu kommen. Im renommierten "Pitt-Club" soll es nicht mit rechten Dingen zugehen. Charlotte, Tochter aus bestem Hause, verschafft dem Boxer Hans Zugang zum Club. Natürlich verlieben sich beide, doch sowohl Liebes- als auch Kriminalgeschichte sind nur Nebenaspekte eines sehr berührenden Leseerlebnisses. Sowohl Hans' als auch Charlottes Lebensgeschichte werden samt ihrer Schicksalsschläge auf sensible Weise beschrieben, während die versnobbten, menschenverachtenden superreichen Mitglieder und Möchtegern-Mitglieder des Pitt-Club wie Karikaturen daherkommen. Hofft man  zumindest, denn Takis Würger hat selbst in Cambridge studiert und man mag gar nicht wissen, wie viel der überzeichneten Charakterzüge von Hans' Kommilitonen er der Realität abgeschaut hat. Einen der bekanntesten Sätze im Buch legt er dem Pitt-Club Mitglied Josh in den Mund: "Und wie geil ist bitte Butter?" - besser kann man einen Charakter gar nicht umschreiben. Wie gut es gelingt, ganze Lebensbiografien in einem Satz zu beschreiben, zeigt auch folgender Charlottes: "Als ich sechzehn war, hatte ich Unmengen Hühner gezupft, mit dem Sohn des Restaurantbesitzers geschlafen und gelernt, dass das Leben mehr zu bieten hatte als Zitronentartelettes."
Nur kurz, als der Roman seinem unvermeidlichen Ende zustrebte, war ich kurz enttäuscht, dass meine Erwartungen als Leser zu offensichtlich auf dem Silbertablett serviert wurden. Bis das Ende tatsächlich in die Geschichte knallte. Anschließend wusste ich, dass dies eines der Bücher ist, die man noch ein zweites Mal aufmerksam lesen muss...

Noch ein tolles Buch: Ulrike-Anna Bleier: Schwimmerbecken. Hier klicken
Und eine Auswahl der Bücher, die Wolfgang Herrndorf gelesen hat. Hier klicken

Sonntag, 26. März 2017

Impressionen von der Leipziger Buchmesse

#lbm17 – Martin Suter und die schreienden Kinder

Die Leipziger Buchmesse 2017 stand dieses Jahr unter dem Dilemma: Zu Hause bleiben – oder die Kinder mit auf die Messe nehmen. Wie es ausging? Meine Kinder hatten einen großartigen Tag auf der Buchmesse! Aber? Der Papa nicht... ganz.
Aber von vorne: Zwei Pflichtveranstaltungen hatte ich mir markiert: Martin Suters Lesung seines „Elefant“ und am Spätnachmittag Takis Würgers Lesung von „Der Club“. Dazwischen wollte ich mein Glück versuchen, ob sich irgendwo Mara Giese am Blauen Sofa erspähen ließ, oder Sophie Weigands roten Rucksack aus den Menschenmassen hervorlugte. Aber wie immer, findet man nie die, die man sucht, dafür jemand anderen… Doch zunächst zu Martin Suter: Großer Andrang fand vor der ARD Bühne statt und wer sich wirklich Illusionen macht, dass zwei 2 bzw. 4-jährige Jungs sich für Schweizer Literatur interessieren, lebt in einer totalen Traumwelt. Der Kleinere zelebrierte mit Verve neue Höhepunkte seiner Trotzphase und der Größere wollte lieber zum Stand vom „Kleinen Maulwurf“ auf der einen, oder zum „Luther-Bus“ auf der anderen Seite der Halle. Zwar bekam ich nur Bruchstücke der Lesung zu hören, aber die anderen Zuhörer bestätigten mir, dass der Schweizer Suter nicht gerade der temperamentvollste Vorleser sei.
...die Kinder hatten definitiv Spaß!
Die Buchmesse Leipzig ist mit Kindern wirklich wunderbar – solange man selbst keine Ansprüche stellt. Die Kinder liebten es, Spiderman beim Cosplay zuzuschauen, bewunderten jedes einzelne Polizeiauto und jeden Rettungswagen und in der Halle mit den Kinderbuchverlagen waren sie sowieso im Paradies. Als der Papa allerdings zwischen Aufbau, Fischer und Hanser hin und her pendeln wollte, um den einen oder anderen Autor, Lektor, Verleger kennenzulernen, streikten die Kinder (folgerichtig). Der eine lief nach Osten, der zweite nach Westen und verschwunden waren sie in der Menschenmenge. Glücklicherweise haben beide laute Organe und waren durch Schallortung leicht wiederzufinden.
Kurz vor dem Nervenzusammenbruch landete ich beim Stand der Schweizer Buchhändler und Verleger. Dort saß ein Typ der aussah wie Takis Würger und wir starrten uns verdutzt an, als kannten wir uns irgendwoher. Irritiert lief ich weiter und googelte erstmal, ob Takis Würger wirklich so aussieht, wie der Typ am Stand. Als ich mir zu 85% sicher war und der Mann mehrere Exemplare von „Der Club“ signiert hatte, schien es recht
Ich will auch einmal so ein großer
Schriftsteller werden! 
wahrscheinlich, dass es vielleicht echt Takis Würger war. Ich fragte ihn, ob bei seiner Lesung Kinder zuhören dürften und er nickte bejahend. Als ich hinzufügte, dass diese Kinder auf Lesungen gerne laut herumschrieen, grinste er: „Normalerweise hätte ich Nein gesagt. Aber hier ist es eh schon so laut. Also kein Problem!“ Na gut, da ich unbedingt auch ein Autogramm wollte, kaufte ich rasch sein Buch und lies es mit meinem Arbeitsamts-Kuli signieren. Und spätestens da war ich ein Fan, Takis Würger grinste und fragte, ob er den Stift nicht ausborgen dürfe – ein Arbeitsamts-Kugelschreiber sei der perfekte Signier-Stift. Ich habe ihn nie wiedergesehen. Den Stift meine ich.
Takis Würger las übrigens wundervoll melodisch mit sanfter, leiser Stimme. Das Buch war ebenfalls wesentlich poetischer als ich erwartet hatte und begeisterte mich sofort.
Und nach der Lesung, als zwei gestresste Elternteile die Messe von ihren wilden Kindern erlösen wollten, stand auf einmal Constanze von der LISA Schrobenhausen vor mir. Ganz beiläufig erwähnte sie, dass auch Arwed Vogel, mein literarischer Lehrmeister hier sei. „Wo denn?“ „Da!“ Arwed Vogel war nicht nur als Autor, sondern in erster Linie in seiner Funktion als Vorsitzender der FDA Bayern, der Autorengewerkschaft von ver.di auf der Messe. Und da Arwed meine Familie bereits seit vielen Jahren kennt, wurde mir erst bewusst, was der Schriftsteller-Papa seinen Kindern so zumutet: Schreibwerkstatt Barliano, Rabenmoos-Alm, Lesungen im von Rönne'schen Garten und jetzt auch noch die Buchmesse. Da war ich schon wieder dankbar, dass ich überhaupt in Leipzig war und immerhin eineinhalb tollen Lesungen beiwohnen durfte! Auch wenn ich nicht einmal die Traunsteiner Messe-Veteranen Nora Berger und Jürgen Eglseer gefunden hatte...
Für nächstes Jahr habe ich mir deshalb vorgenommen, besser organisiert zu sein.

Folgende Tipps für die Buchmesse Leipzig kann ich Euch noch mitgeben:

Das Belmondo ist ein tolles Hotel - liegt allerdings näher an
Halle denn Leipzig...
  • -        Bereitet euch im Vorfeld akribisch vor!
  • - Welche Lesungen wollt ihr hören?
  • - Zeitplan erstellen!
  • - Wo finden die Lesungen statt?
  • - Wann und wo sind befreundete Blogger, Autoren anzutreffen?
  • - Welche Messestände will man unbedingt besuchen?
  • - Wo sind die spannenden Abendveranstaltungen wie die Litpop?
  • - Nicht vergessen, rechtzeitig ein Hotel zu buchen. 25 km Entfernung sind nicht mehr Innenstadt…
  • - Kinder können im Messe-Kindergarten abgegeben werden.
  • - Ein Tag Buchmesse ist definitiv zu wenig

Letztes Jahr war ich in Leipzig übrigens erfolgreicher: Über Ohrfeigen, Lit-It-Girls und Literatur-Rabauken


Montag, 20. März 2017

Ulrike Anna Bleier - Schwimmerbecken

Schwarze Geheimnisse


Auf der Suche nach bayerischer Literatur, verankert in der Provinz, dennoch modern geschrieben, habe ich eine Weile den Lichtung Verlag beobachtet. In Ulrike Anna Bleiers Roman „Schwimmerbecken“ hoffte ich, fündig geworden zu sein. Positive Rezensionen in der Süddeutschen und von Sophie Weigand reizten mich, mir meinen eigenen Leseeindruck zu machen. Ich habe es nicht bereut. Die Lektüre war ein Erlebnis. Ich war begeistert, erschüttert, auch mal genervt, oft gerührt. Und lange hat mich kein Buch mehr begleitet, das gleichzeitig so leicht und so schwer zu lesen war. 
Aber von vorne: Luise stammt aus der bayerischen Provinz, aus einem Dorf namens Kollbach. Viel aufregendes gibt es nicht, außer wenn sich im Nachbardorf zwei Teenager umbringen. Es gibt einen Wirt, eine Pension, mehrere Bauernhöfe und das nahegelegene Regensburg als Hoffnung auf ein besseres Leben. Was einerseits eine Idylle sein könnte, beschreibt Ulrike Anna Bleier als kafkaeske Hölle. Ludwig, Luises Zwillingsbruder den sie stets „Bruderherz“ nennt, ritzt sich – ohne einen Tropfen Blut zu verlieren. Etwas dunkles, unaussprechliches, umgibt ihren Bruder, der plötzlich jahrelang verschwindet und nach seiner Heimkehr eine fremde Sprache – vielleicht indonesisch -spricht. Luise versucht, dem unaussprechlichen auf die Spur zu kommen. Und da der Wahnsinn der bayerischen Provinz von Kapitel zu Kapitel buchstäblicher wird und Luise selbst aus den Grundfesten der Zeit katapultiert wird, sind die 58 Kapitel in „Schwimmerbecken“ wahllos aneinander gereiht. Vermutlich ist es egal, in welcher Reihenfolge man die kurzen Episoden liest. Beinahe jede enthält eine neue schreckliche Erkenntnis über die düsteren Geheimnisse in Luises Umfeld. Manche so zart, dass sie in ihrer stillen Traurigkeit ungemein berührten. Andere wieder krachend und so unfassbar, dass man sich einen Moment fragt, ob die Autorin einem nun nicht doch zu viel zumutet. Virtuos erzählt ist allerdings das „Nicht – erzählen“. Luise, ihr Zwillingsbruder und ihre Eltern – sie kommunizieren, aber sie sagen sich nichts. Das Unausgesprochene dominiert das gesamte Buch und lässt es in einer bedrückenden Düsternis versinken. 
Und das wirklich erschreckendste an dem Buch ist, dass es recht nah an der Realität geschrieben ist. Jeder der Schicksalsschläge, die Bleier in den Roman einflechtet, ist realistisch beschrieben. Die deprimierende Dorfatmosphäre zwischen Wirt und Tratsch im Kramerladen ist jedem bekannt, der in einem Dorf in Bayern aufgewachsen ist. Die blutende Resl von Konnersreut ist nur dem fanatisch Glaubenden ein Trost, jedem halbwegs sensiblen Kind jagen die Geschichten Angst ein. Es verbrennen Tierquäler, es sterben Katzen, aber die bedrückendsten Szenen des Buches sind jene, die vom Versagen der Familie, miteinander zu sprechen, erzählen. Selten habe ich über das stille Scheitern einst glücklicher Menschen so bedrückend geschrieben gelesen. 
Keine leichte Lektüre. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich die gut 150 Seiten gelesen habe, da die Sätze zwar wundervoll leicht geschrieben sind, das Gewicht ihres Inhaltes aber in seiner Schwere niederschmetternd sein konnte. Dies zu erreichen ist große Kunst. Kompliment deshalb an den Lichtung Verlag: Da habt ihr euch eine tolle Autorin geangelt! 

Mehr zu Lesen gibt es auf www.bernhardstrasser.de

Sonntag, 12. März 2017

Die Bücher, die mich am meisten geprägt haben

Eine Liste der Bücher die mich am meisten beeindruckt haben


Jeder hat eine Erinnerung an Bücher, die einen seit frühester Kindheit, im Teenageralter, in schweren Lebensphasen beeinflusst haben. Manche waren schlicht die ersten Leseerfahrung. Andere der erste Kontakt mit großer Literatur. Wieder andere waren einfach ein großes Vergnügen zu lesen und man erinnert sich gern an die Sommermonate auf einer Bank in der Sonne, als man sich durch den Schmöker gewälzt hat. Wieder andere Bücher habe ich nie ganz gelesen, aber alleine ihre Existenz und die Legenden die sich um das Buch ranken, inspirierten mich, wann immer ich einen Blick auf den Buchrücken im Bücherregal warf. Hier meine ganz persönliche Auswahl dieser Bücher:


  • Ottfried Preussler – Die kleine Hexe
  • Hergé – Tim in Tibet
  • Die drei ??? – Die gefährliche Erbschaft
  • Ottfried Preussler - Krabat
  • Michael Crichton – Jurassic Park
  • Stephen King – Es
  • Hans Bemman – Stein und Flöte
  • Ken Follet – Die Säulen der Erde
  • John Irving – Garp und wie er die Welt sah
  • Goethe – Die Leiden des jungen Werther
  • JD Salinger – Der Fänger im Roggen
  • Jack Kerouac – Unterwegs
  • Friedrich Schiller – Die Räuber
  • Josef von Eichendorff – Aus dem Tagebuch eines Taugenichts
  • Benjamin von Stuckrad-Barre – Soloalbum
  • Uschi Obermaier – Das wilde Leben
  • Christian Kracht – Faserland
  • Ernest Hemingway – 50 Stories
  • Jeffrey Eugenides - Middlesex
  • Thomas Mann – Der Zauberberg
  • Scott F. Fitzgerrald – The great Gatsby
  • Joachim Meyerhoff - Amerika
  • Thomas Glavinic – Das größere Wunder
  • Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur
Hier noch eine weitere Bücherliste: Hier klicken

Was waren denn Eure Bücher, die Euer Leben geprägt haben?

Freitag, 10. März 2017

Martin Suter fabuliert von rosa Elefanten

Martin Suter gehört zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Auch seine Neuerscheinung "Elefant" landete sofort auf Platz 1 der Bestsellerlisten. Ist der Hype um Martin Suter gerechtfertigt? 
Zunächst ein Lob an den Schweizer Autor: Seit Jahren habe ich kein Buch mehr so schnell ausgelesen wie seinen "Elefant". Der Wermutstropfen: Ich habe mich auch seit Jahren mit keinem so trivial schön geschriebenen, anderes gesagt, einfach geschriebenen, Buch beschäftigt. Unterhalten hat es mich trotzdem.
Aber von Anfang an: Martin Suter führt den Leser nach Zürich, ans Ufer des Flusses der Limmat und ins Obdachlosenmilieu. Schoch, ein seit Jahren obdachloser ehemaliger Investmentbanker, findet in seine Schlaf-Höhle einen handtaschengroßen, rosa leuchtenden Elefanten vor. Natürlich hält er dieses Fabelwesen zunächst für das Produkt seines Rausches, aber der Elefant ist real. Und Suter führt den Leser nach und nach in die Geschichte von Sabu, dem leuchtenden Mini-Elefanten ein. Der ist nämlich das sensationelle Ergebnis einer Gen-Manipulation. Mit einer gezielten Dosierung Fachinformationen füttert Suter den Leser mit exakt genau so vielen Informationen über die modernen Möglichkeiten der Gen-Technik, dass man geneigt ist, die Romanhandlung weniger als Science-Fiction denn als gut recherchierten Gegenwartsroman abzutun. Denn wer möchte ausschließen, dass in China nicht zur Stunde ähnliche Experimente durchgeführt werden? Sabu ist nämlich das Produkt der Genmanipulation des zwielichtigen Forschers Roux, der der Welt eigentlich einen ausgewachsenen - aber pink leuchtenden - Elefanten präsentieren wollte, um Ruhm, Ehre und den Nobelpreis einzuheimsen. Er lässt sich von Harris, einem Tierarzt der zu Beginn von "Elefant" seinen Auftritt hat und auf einmal auf Nimmerwiedersehen aus dem Roman verschwindet, eine Elefanteneizelle in die Schweiz liefern. In einem heruntergewirtschafteten Zirkus soll die manipulierte Eizelle ausgetragen werden. Doch der Elefantenpfleger Kaung, der den pinken Elefant mit Zwergwuchs für ein göttliches Wunder hält, vertuscht die Geburt und bringt das kleine Tier vor Roux und dem chinesischen Gen-Konzern in Sicherheit. Natürlich wird aus der Gen-kritischen stark moralisierten Geschichte anschließend ein Krimi und später, so viel sei ebenfalls verraten, auch noch eine kleine Liebesgeschichte. Es werden also sämtliche Bedürfnisse des nicht allzu anspruchsvollen Lesers erfüllt.
Das Problem des Romans: Er ist allzu glatt. Die Bösen Schergen der Gen-Konzerne sind alle super-böse, haben ganz, ganz fiese Charaktere und sehen auch noch gemein aus. Die Guten, zu ihnen gehören der brave Elefantenpfleger und die Tierärzte, sind so lieb, dass die Empörung steigt, als einer der Guten sogar sterben muss. Der Obdachlose Schoch ist natürlich aus widrigen Umständen und aus eigenem Entschluss obdachlos geworden und zuvor war er ein supertoller Mensch. Und letztendlich der mega-niedliche kleine rosa Elefant. Immer wieder versucht Suter passagenweise den Elefant als Wesen aus Fleisch und Blut zu beschreiben, als richtigen Elefant - wenn auch im Westentaschenformat. Das Problem ist zwar: Suter behauptet dies immer wieder und sagt, Sabu sei ein Elefant, der sich auch wie ein großer Elefant fühle. Aber es kommt nicht wirklich rüber. Im Kopf bleibt ein Mini-Spielzeug zurück, das sich bewegen kann und ab und an kleine braune Kügelchen produziert. Also genau das stereotype Wesen, das der böse Gen-Konzern produzieren wollte.
Martin Suter hat mit "Elefant" ein klares Statement gegen die Gen-Technik abgegeben. Allerdings hätte es dem Roman gut getan, wenn auch die Grauzonen der technischen Entwicklungen besser ausgeleuchtet worden wären. So blieben für mich die interessantesten Passagen die Beschreibungen des Zürcher Obdachlosenmilieus. Wobei ich bezweifle, dass er typische Obdachlose einst ein superreicher Banker war, der wegen Liebeskummers in der Gosse gelandet ist... 
Unterhalten hat mich das Buch dennoch. Wenn auch nicht literarisch überzeugt. Wer kennt denn die "guten" Suter-Bücher? Würde mich über Eure Empfehlungen freuen!

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