Donnerstag, 10. November 2016

Die Herrschaft des Pöbels in der postfaktischen Zeit

Foto: Gage Skidmore / Wikipedia
Donald Trump ist neuer US-Präsident. Was vor Jahren noch wie ein gelungener Witz klang, ist inzwischen Realität geworden. Ähnlich wie beim Brexit, bei dem selbst die Befürworter nicht wirklich daran glaubten, dass sie gewinnen könnten, hat erneut die Mehrheit demokratischer Wähler eine objektiv unvernünftige Entscheidung getroffen. 
Demokratie ist nichts anderes als die Herrschaft des Volkes. Wie durch ein Wunder hat sie im letzten Jahrhundert sehr gut funktioniert. Was aber geschieht, wenn die Mehrheit der Wähler keine Demokratie will?
Zwei gefährliche Trends zeichnen sich für die kommenden Jahre ab: Ein immer größer werdender Teil der Wähler lehnt Politik, Politiker und das System ab. Und: Dieser Teil der Bevölkerung hat kein Vertrauen mehr in die Presse, in die Institutionen, in die Informationen die in den Haupt-Medien verbreitet werden. Sie glauben dem, was sie im Internet, in den Sozialen Medien in denen sie verkehren, lesen. Es gibt bereits einen Begriff dafür: Die "postfaktische" Zeit. Auch Trump und die Brexit-Befürworter haben dies für sich genutzt. Trump brüstete sich damit, dass ihm seine Wähler auch offenkundige Lügen glauben würden. Zum Brexit kursierten Zahlen und Daten die nichts mit den Tatsachen zu tun hatten, aber die Argumente der Brexit-Befürworter zementierten. 
Wie kann derartiges geschehen? Eine Erklärung könnte sein, dass man im Internet zum Großteil mit Ansichten konfrontiert wird, die den eigenen ähneln: "Das könnte Sie interessieren:..." Als Konsequenz wird das eigene Weltbild - so sehr es auch Fakten widerspricht - wieder und wieder bestätigt. So kann es einem durchaus so vorkommen, dass Sachsen von kriminellen und islamistischen Flüchtlingen überrannt wird, Merkel an allem schuld ist und jeder so denkt - nur in der offiziellen Presse ist davon nichts zu lesen. Die sogenannten "Bots" - maschinengesteuerte Meinungsmacher, die Diskussionen in Sozialen Netzwerken in bestimmte Richtungen lenken, leisten dazu ebenfalls ihren Anteil.
Natürlich hat niemand in Deutschland das Recht, mit den Fingern auf die Amerikaner und die Briten zu zeigen und diese als das jeweils dümmste Volk des Jahres zu bezeichnen. In Deutschland wird erst 2017 gewählt und nichts spricht momentan dafür, dass die Deutschen recht viel intelligenter wählen werden.
Vieles erinnert an die 20er, 30er Jahre. Zu meiner Schulzeit in den 90er Jahren erschien es nicht nachvollziehbar, wie ein offensichtlich irrer Kasperl wie Hitler Wahlen gewinnen konnte. Obwohl wir heute, 20 Jahre später in einem Zeitalter der totalen Information leben, feiert eine Partei mit ähnlich abstrusen Führerfiguren Wahlerfolg um Wahlerfolg. Die NSDAP hatte übrigens nie eine Mehrheit erreicht. Auch heute würden 30 Prozent der Stimmen bereits reichen, um eine Kanzlerin Storch zu stellen. Noch sind wir noch weit weg davon. Aber das dachte man vor 90 Jahren auch über die NSDAP.
Einzig die stabile Wirtschaftslage hat bisher noch schlimmeres verhindert. Denn unterm Strich geht es auch den Armen in diesem Land verhältnismäßig gut. Es ist eine gefühlte Armut. Ein abgehängt-werden von den Reichen. Ein Schmelzen der Mittelschicht, das auf der ganzen Welt einen Rechtsruck ausgelöst hat. 
Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr Fragen tun sich auf. Einfache Lösungen gibt es nicht mehr. Wichtig erscheint mir dennoch, die Fakten wieder herzustellen, indem man mit den Menschen redet, redet, redet. Ansonsten schlittern wir tatsächlich in ein Zeitalter der Olchokratie - der Herrschaft des Pöbels, wenn sich die Bevölkerung nicht mehr kritisch mit Fakten auseinandersetzen will und nur noch glaubt, was ihr in den Kram passt.

Donnerstag, 3. November 2016

Zeitreise in die Bücherei meiner Kindheit

Oder: Kirchanschöring hat wieder eine Literatin!


Gut besucht war die Bücherausstellung im Pfarrsaal
(in den Achtziger Jahren)
Ein Ausflug in meine Kindheit. Der Pfarrsaal, in dem schon meine Mama vor 30 Jahren die Bücherausstellung der Bücherei Kirchanschöring veranstaltet hat. Natürlich nicht mehr derselbe. Er wurde vor vielen Jahren abgerissen. Und an gleicher Stelle neu aufgebaut. Aber manche der katholischen Wandverzierungen (siehe Bild rechts) sind dieselben wie damals. Es riecht auch wie damals nach Kaffee und Kuchen. Und die Bücher bieten über Spiegel-Bestseller bis zu Franz Josef Strauß-Memoiren dieselbe Bandbreite wie 1986. Die Kinder tollen zwischen den Büchertischen herum. Eines sieht fast so aus wie ich als Kind. Gleich müssen sie leise sein, weil die Erwachsenen irgendeinem Schriftsteller zuhören wollen. Nämlich mir! 
Luise Rinser, Walburga Gierlinger und jetzt also ich. Das sind die Literaten die in Anschöring leben oder lebten und ins Dorf geladen wurden, um aus ihrem Werk zu lesen. 
Im Hintergrund: Die Reste vom Eine-Welt-Laden
Ich habe eine lustig-freche, über die Maßen ironische Ansprache vorbereitet, um dieser Ehre gerecht zu werden. Außerdem rechne ich eh nicht, dass außer meiner Schwester noch jemand kommt. Aber es kommen sehr, sehr viele Leute. Und scheinbar tatsächlich wegen mir - und nicht wegen der hervorragenden Kuchen. Die Lässigkeit schwindet von Minute zu Minute und ich muss mir eingestehen, dass ich immer aufgeregter werde. Als die Lesung beginnt, hält auch noch der Bürgermeister eine Rede und lobt meine Geschichten. Ich höre erstaunt zu. Wenn einem sowas nicht den Stecker zieht, was dann?
Ich scherze trotzdem, dass ich meinen ersten Roman ja mit 17 geschrieben hätte und es ganze 20 Jahre dauerte, bis ich endlich mal in die Bücherei eingeladen wurde. Das lag sicher an der Büchereileiterin damals. Achso, das war ja meine Mutter. 
Erstaunt bin ich, als ich im Publikum Frau Scharbert entdecke. Meine Lehrerin in der ersten Klasse. Die Frau, die mir das Schreiben beigebracht hat. Sie ist nun 78, fast blind, kauft mir trotzdem mein Buch ab. Sie war die netteste Lehrerin die man sich nur vorstellen konnte. Und sie weiß noch genau, wo ich gesessen war. Hinten links. Neben Hubert Brudl. "Halb Mensch, halb Nudel", schießt es mir durch den Kopf und beiße mir auf die Lippen. "Herbert", korrigiere ich sie. Sie fragt mich, ob ich immer noch alle Namen der Dinosaurier weiß. Also war ich damals schon ein Nerd. Das erklärt manches.

Nächstes Mal lese ich wohl die "Kleinstadtrebellen"
Ich lese zwei Kapitel aus „Sterne sieht man nur bei Nacht“ und ein erstes Mal begreife ich, was ich Menschen, die meine Mama kannten, mit dem Buch eigentlich zumute. Wieder blicke ich nach einem emotionalen Kapitel in aufgerissene, feuchte Augen. Aber ich bin diesmal vorbereitet und beende die Lesung mit einem der lustigsten Einträge aus dem Elterntagebuch: Der Geschichte mit Wacken und dem Flüsterfuchs. Sofort springen meine Kinder daher und hüpfen auf meinen Schoss. Das Publikum lacht herzlich und später sagt jemand, dass meine Mama wohl sehr stolz auf mich gewesen wäre. Aber was hätte ich wohl vorgelesen, wenn sie nicht gestorben wäre?
Aus dem Publikum werde ich gefragt, ob ich nicht Geschichten erfinden könnte. Doch, kann ich! Behaupte ich. Aber lange fällt mir keine ein. Denn selbst der Finstermann war ja irgendwie Tatsache. Schließlich fällt mir noch der Rosenheim- Krimi mit der explodierten Prostituierten ein. Alle starren mich an, als glaubten sie mir nicht, dass die Geschichte ebenfalls erfunden ist. Vielleicht hätte ich ja vor zehn Jahren diese Geschichte vorgelesen. Und darauf wäre Mama mit Sicherheit nicht stolz gewesen. 
Zuletzt bekomme ich noch einen Korb von der Büchereileiterin. Einen voller Gemüse vom Bio-Michi. Meine Kinder jubeln. 
Zwei Tage später begegne ich am Friedhof der Gierlinger Burgi. "Kirchanschöring hat wieder eine Literatin", murmle ich. Das war damals die Schlagzeile nach ihrer gefeierten Lesung. Vielleicht habe ich mich deshalb mit dem Roman so ins Zeug gelegt, um sie als Anschöringer Literatin abzulösen. Aber noch ist es nicht so weit. "Ich habe noch den ganzen Rechner voller Geschichten!" flüstert die Literatin und zwinkert mir kämpferisch zu. 

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Verdammt, ist die Literaturszene alt!

Letztens "Immer Drama um Tamara" gesehen:
In dem Film wird eine Gruppe Autoren, die auf einem englischen Anwesen schreibt, ebenso herrlich persifliert wie deren Leser, die sie auf Lesungen begleiten. Was allen gemeinsam ist: Sie sind alt. Sie sind verspult. Sie haben keine Sozialkompetenz. Ich habe mich weggeschmissen vor Lachen.
Zum einen, weil ich die Schreibszene und deren Werkstätten ebenso kennengelernt habe. Und vor allem deren Teilnehmer. 
Müssen Autoren eigentlich alt und schrullig sein? Bin ich etwa auch so?
In den über zehn Jahren in denen ich als Autor auf der Suche nach Kollegen war, habe ich ganze vier kennengelernt die gut und gleichzeitig jünger waren als ich: Ronja von Rönne, Fabian Bader, Matthias Tonon und Ralf Enzensberger. Dem einen oder anderen aus der Liste kann man nicht einmal das Attribut "cool" absprechen. 
Der Optimist zuckt die Schultern und sagt: "Immerhin." Trotzdem denke ich mir, das kann doch nicht sein. No offence, lieber Arwed, lieber Norbert, liebe Ursula. Ich verehre Eure Schreibkunst sehr. Aber die "junge, wilde Literatur" habe ich auch in euren Kursen nicht gefunden.
Denn auch dort war der Großteil der "Nachwuchsschreiber" die ich kennenlernen durfte, 60+. Was macht denn die Jugend? Gründen die lieber Musikbands, werden Youtuber oder hängen die nur noch auf Poetry Slams ab? Gibt es denn keine jungen Literaten mehr? Und nein, Herr Glavinic, 45 ist nicht mehr jung. 
Gibt es denn noch Internetnetzwerke wie früher die "Höflichen Paparazzi?" Kann man sowas auch auf dem Land starten?
Also liebe Münchner und bayerische Provinzliteraten: Meldet Euch! Wo seid ihr? Ich glaube ganz fest an Eure Existenz! 
Und bevor ihr beide jetzt mahnend den Finger hebt: Ja, liebe Meike, lieber Michi. Ich habe euch nicht vergessen und ich bin ja froh, dass ich Euch hab : )

Sonntag, 2. Oktober 2016

Arwed und Kultur - Eine Literaturutopie

Am Abend in Empfing Fußball gespielt. Arwed, Fabian, Matthias und Ralf dabei. Tolles Kopfballtor, Blutgrätschen von Ralf. Fuchs steht aber schnell wieder auf. Kennengelernt haben wir uns alle über das Schreiben. Aber gemeinsam Fußball spielen: Auch schön! 
Anschließend, wie immer, in die Festung. Norbert und Ronja sind auch da. Norbert diskutiert jeden in der Festung an die Wand. Ronja grinst und raucht. Sie gehört zu denjenigen bei denen es mich am meisten wundert, dass sie immer wieder hier ist. Ich meine, Matthias ist Arzt in Ulm, Fabian studiert in Regensburg, Arwed lehrt in München, wie man einen Roman schreibt. Aber sie hat es doch eigentlich ganz schön in Berlin, möchte man meinen. Und Norbert ist hier sowieso zu Hause. Trinkt sein Bier, überrollt die Ahnungslosen mit seinen Literaturtheorien. Gemeinsam haben Matthias und Fabian übrigens, dass sie den Puls Schreibwettbewerb gewonnen haben. Norbert den Bachmann, Ronja hat immerhin mal mitgemacht. 
Gegenüber am Tisch sitzen die Truchtlachinger Musiker. Tobi von Mundwerk, Stefan Dettl und ein Typ der aussieht als habe er mal bei Franz Ferdinand gespielt. Man sieht ihnen an, dass sie über unsere seltsame Runde grinsen und nur Augen für Ronja haben. Sicher wollen sie, dass sie in ihrem nächsten Musikvideo mitspielt. Aber das macht sie nicht. Nein, sowas macht Ronja nicht. Dann kann sie ja gleich zum Fernsehen gehen. Fabian faselt was von Wittgenstein oder Kierkegaard oder so und Arwed und Norbert springen gleich drauf an. Ralf und Matthias zucken die Achseln. Beide schreiben seit Monaten nicht mehr, weil sie so viel um die Ohren haben. Unfassbar. Die einen schreiben, weil sie nicht anders können. Die anderen, die es wirklich können, schreiben nicht, weil sie keine Zeit mehr haben. 
Wir schmieden Pläne, eine bayerische Zentrale Intelligenz Agentur zu gründen, im Tüttensee baden zu gehen und den Leuten von den Chiemgau Autoren einen Streich zu spielen. Ralf möchte auch den Leuten vom Nuts einen Streich spielen, aber alle sind dagegen.
Nachts laufen wir angetrunken durch die Stadt und malen dem Papst einen Schnurrbart. Dann planen wir, das Viadukt zu sprengen, aber das hat Thomas Bernhard schon nicht geschafft. Wir laufen dennoch nach Ettendorf hoch und beschimpfen, auf der Bank unter den Sternen sitzend, den Abschaum, der unterhalb Ettendorfs wohnt. Es ist die schönste Nacht des Jahres und jeder schwört, er wird sie in sein aktuelles Romanprojekt einbauen. 
Über die Weinleite wieder zurück in die Stadt. Nur die Villa hat noch offen. An der Bar diskutiert Norbert lange mit Foti über Proust. Ronja tanzt ironisch, Fabian trinkt Gin. 
Arwed verwandelt sich irgendwann in ein Wildschwein oder einen Frosch und springt quakend durch den Park vor der Villa. Matthias ist mit einer Frau abgehauen, aber das ist inzwischen auch schon egal.
Die Entscheidung, nach Traunstein zu gehen, war die richtige. Weder in Berlin, noch in Wien hätte ich mich als Autor besser entfalten können. Ich habe alles richtig gemacht. Die letzten Jahre waren die schönsten. Ich wache auf.

Mittwoch, 28. September 2016

Ein Roman in dem viel Kirchanschöring steckt

Warum ich "Sterne sieht man nur bei Nacht" meiner Mutter und Daniel Roider gewidmet habe


Ein Beitrag aus der Kirchanschöringer Gemeindezeitung


Zehn Jahre ist es her, seit meine Mama, Lilli Straßer, nach ihrer Krebserkrankung gestorben ist. Sie
Die Bücherei Kirchanschöring in den 80er Jahren als ich quasi hier
aufgewachsen bin
war meine gesamte Kindheit über die Leiterin der Bücherei in Kirchanschöring. Und ob ein Zusammenhang darin besteht, seine Kindheit in einer Bücherei zu verbringen und später Schriftsteller werden zu wollen, liegt irgendwie auf der Hand.
Das Jahr, in dem sie den Kampf mit dem Krebs aufnahm und sie sich später, genau wie die Familie, mit dem Sterben auseinandersetzen musste, war gleichzeitig eines der schönsten und lebenswertesten in meinem Leben. Wie passte denn das zusammen?
Dieses Paradoxon hatte mich lange beschäftigt. Und als die Zeit reif war, habe ich begonnen, das Grundgerüst einer literarischen Geschichte aufzuschreiben, die sich grob an den damaligen Ereignissen orientierte und sich mit der Frage auseinandersetzte:
Besteht ein Zusammenhang zwischen Tod, Leben, Liebe, Verdrängung und Lebenslust?
Was ist nach sechs Jahren Arbeit daraus geworden? Ein Buch über Hans, einen jungen Mann Mitte Zwanzig, der sich ins Leben stürzt, um das mögliche Sterben seiner Mutter zu verdrängen. Er wird sich verlieben und zwischen zwei Frauen entscheiden müssen, wird nach Paris reisen, die Stadt der Liebe in der seit jeher das Leben als Fest gefeiert wird. Das Festival im Grünen wird für Freunde des Lokalkolorits ebenso wiederzuerkennen sein wie die Chiemgauer Kleinstadt in der Hans lebt.
Als literarisches Vorbild habe ich mir das Buch „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ genommen. John Green gelang es mit diesem Roman, ein heiteres, nicht nur trauriges Buch über das Sterben zu schreiben und eine spannende Geschichte in viele literarische Elemente zu verpacken. Ich hoffe, dass mir ähnliches gelungen ist.
Um zu vermeiden, dass ein rein autobiographisches Buch entsteht, habe ich einen fiktiven Mittelteil ins Buch eingefügt, der in Paris spielt. Inspiriert von einer wunderbaren Geschichte die ein junger Anschöringer als Akkordeon spielender Straßenmusiker in Paris erlebt hatte, entstand eine fast eigenständige "Geschichte in der Geschichte", die ganz neue Konflikte in den Roman hinein wob.
Eine Herausforderung war das Schreiben über das Sterben. Meine Arbeit wurde leider zwei Mal von der Realität eingeholt. Als mein Vater überraschend starb, musste ich mich noch einmal intensiv mit dem Tod auseinandersetzen. Da ich damals die Paris-Kapitel schrieb, beeinflusste es den Schreibprozess glücklicherweise nur am Rande. Während der Überarbeitung der letzten Kapitel erkrankte allerdings Daniel Roider, der Mann meiner Schwester, an einem Gehirntumor. Da viele der traumatischen Erlebnisse mit einem Mal wieder Gegenwart wurden, musste das Romanprojekt viele Monate ruhen. Als Daniel kurz vor Fertigstellung des Buches verstarb, beschloss ich, das Buch nicht nur meiner Mama, sondern auch ihm zu widmen. 
Wer mehr über das Buch nachlesen will, findet ausführliche Informationen auf www.chiemgauseiten.de

Übrigens ist gerade eine Lesung in der Bücherei Kirchanschöring geplant: Voraussichtlich am 30. Oktober, eine knappe Woche nach dem zehnten Todestag meiner Mutter.

Sonntag, 25. September 2016

Dies ist kein Liebeslied - Karen Duve



Nach zehn Jahren im Bücherschrank endlich gelesen


Karen Duves Buch hat drei Umzüge und mehrere Ausmistaktionen überlebt, obwohl es vom Titel her nach Trivialliteratur klang. Ein Buch der Bücherei Kirchanschöring, es ist also mehr oder weniger geklaut: meine Mutter hatte es vor über zehn Jahren meiner Freundin in die Hand gedrückt und seitdem lag es zwischen "Tribute von Panem" und Stephen King.
Zehn Jahre später heißt der Autor, der mich am meisten geprägt hat Wolfgang Herrndorf. Und dieser Herrndorf schreibt von einem Buch, das ihn in verschiedenen Lebensphasen geprägt hat. Es heißt "Dies ist kein Liebeslied"...
Herrndorf ist seit drei Jahren tot, meine Mutter seit zehn. Zeit, das Buch endlich zu lesen.
Der Goldmann Verlag wirbt im Klappentext, dieses Buch sei hochkomisch und es gäbe viel zu Lachen. Quatsch. Dieses Buch ist vielleicht hochkomisch geschrieben, aber gleichzeitig ein so entsetzliches Psychogramm einer verkorksten Frau, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Ich habe es dennoch gelesen. Weil es in der Tat hervorragend geschrieben ist.
Das Buch spielt Mitte der Neunziger Jahre. Der Poproman war damals das große Ding. Ein Hauch von Nick Hornby weht und natürlich beginnt es gleich mit Fußball, dem 96er EM Halbfinale Deutschland gegen England. Aber das ist alles unwichtig.
Karen Duve schreibt unfassbar dicht. Sie führt innerhalb einer halben Seite einen neuen Charakter ein, zeichnet in kurzen, prägnanten Sätze eine lebendige Figur die man sofort so sehr ins Herz schließt, man wünschte ihr eine eigene Trilogie. Und noch bevor man umblättert versenkt Duve die Figur mit einem knappen "Und das wurde aus ihr..." Und man liest nie wieder etwas von ihr. Das ist mehr als verschwenderisch. Das ist großartig. 
Die Versuche, ein erstes Mal mit einem Mann zu schlafen. Die deprimierenden Küsse. Das Suchen und Nicht - Finden der Liebe. Das Hassen des eigenen Körpers: Dieses Buch ist aufwühlend und wer will, kann sich von den Pointen verleiten lassen und lachen. Wer einen kleinen Funken Empathie hat, wird mit Anne leiden und wer ein Mann ist, wird vielleicht ein klein wenig mehr Verständnis für die Nöte einer Frau haben. 
Man ahnt in diesem Buch auch, woher Wolfgang Herrndorf das Tempo von "Tschick" vielleicht abgeschaut hat. Herrndorf selbst beschreibt in seinem Blog eine Prüfungsszene, in der Goethes "Werther" analysiert werden muss: Zunächst wird dem Buch sämtliche Glaubwürdigkeit entzogen, da Goethe so ein stolzer Gockel war, im nächsten Satz aber ist der Werther das einzige Buch, das wahre Liebe lesbar macht.
Herrndorf selbst sagte, man solle "Dies ist kein Liebeslied" mindestens alle fünf Jahre einmal lesen. Ich schau in fünf Jahren noch einmal rein.


Sonntag, 18. September 2016

Tschick - Auf der Suche nach dem Zauber der Literatur

Die Kühe, Tschick und ich (v.l.)
Nicht erst seit Fatih Akins Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs "Tschick" im Kino läuft, wird über den Zauber in Herrndorfs Jugendroman diskutiert. Mit Tschick ist Herrndorf noch zu Lebzeiten ein Klassiker der heutigen deutschen Literatur gelungen, der nicht nur von Lehrern in die Stundenpläne eingebrannt wurde, sondern auch vom Nullachtfünfzehn Leser geliebt wird wie kein zweites Buch. 
Dennoch, oder gerade deswegen fragen sich inzwischen manche: Warum eigentlich?
Da es mir beim ersten Lesen von Tschick ähnlich ging, habe ich Tschick noch ein zweites, drittes Mal gelesen. Ein Blick  zurück:
Tschick war das Sensationsbuch 2010. Ein flott geschriebenes Jugendbuch, Roadmovie von einem Berliner Autor, der seit langem als Geheimtipp galt. 
Womöglich mag Wolfgang Herrndorfs tragische tödliche Erkrankung ein wenig zum Erfolg beigetragen haben. Der Hype der sich innerhalb weniger Jahre über Theaterinszenierungen, die aktuelle Verfilmung und die Etablierung als Schullektüre in nahezu jeder Schule der Republik ausgebreitet hat, der lässt sich durch das Schicksal des Autors allein nicht erklären. 
Tschick ist zunächst ein durch und durch unterhaltsames Buch. Schneller Plot, zum Schreien komisch geschrieben, gleichzeitig ernst und durch und durch positiv durcherzählt. Wer Tschick ein erstes Mal liest, fühlt sich bestens unterhalten. Ob man gerade eines der besten Bücher der letzten Jahre gelesen hat, diese Frage hätten allerdings die wenigsten positiv beantwortet. Denn anders als vielleicht Sand, ist Tschick nicht durchgängig sprachlich genialistisch durchgestylt und auch die Story erlaubt sich manche Länge. 
Die Magie des Buches zieht sich zunächst aus einem Gefühl. Alle Menschen denen Maik und Tschick begegnen, sind nett. Dieses Berliner Umland wird als durch und durch schönes Land voller herzensguter Menschen gezeichnet. Aber nicht in einem naiven weltfremden Sinne. Oder wenigstens nur ein bisschen. 
Was Wolfgang Herrndorf, ähnlich wie John Green in "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" macht ist, dass er im Buch zahllose Zitate und Verweise auf die Weltliteratur einstreut. Herrndorf hat die Literatur zeitlebens geliebt und aufgesaugt, das spürt man in seinen Büchern. Zwei Beispiele aus Tschick: Maik erzählt, dass er Nachts oft am Indianerturm des Spielplatzes sitzt und auf Tatjanas Haus blickt. Wenn in einem der Zimmer ein grünes Licht schimmerte, stellte er sich sehnsüchtig vor, dass dies Tatjanas Zimmer sei. Unwillkürlich muss man an das berühmte Thema des grünen Lichts in Fitzgeralds "Great Gatsby" denken. 
Von Horst Fricke erhalten die beiden Jungs ein braunes Fläschchen. Etwas wunderbares muss sich darin befinden. Etwas, das ihnen "das Leben retten" würde. Ein Symbol aus der Romantik, ähnlich der blauen Blume. Doch Herrndorf wäre nicht Herrndorf, wenn er die beiden Suchenden nun das Ziel ihrer Reise hätte erreichen lassen. Sie werfen die Flasche mit dem magischen Inhalt kurzerhand aus dem Fenster des fahrenden Autos.
Wie verstrickt Tschick in das Gesamtwerk des Autors ist, wird übrigens nicht nur durch den unvollendeten Fortsetzungsroman "Bilder deiner großen Liebe" offenkundig: 
Bereits in der vor Tschick veröffentlichten Erzählung "Im Oderbruch" wird mehrmals ein "Maik Tschichatschow" erwähnt. Und ein Typ, dem sein Auto geklaut wurde (Ein Lada?) lernt ein seltsames, verschrobenes Mädchen namens "Ina" kennen. Ina, die nicht nur ähnlich heißt wie "Isa", sondern auch charakterlich der Isa aus Tschick, mehr noch aber der Isa aus "Bilder deiner großen Liebe" ähnelt. Bedenkt man, dass Herrndorf die Erzählungen und Tschick teils parallel geschrieben hat, beginnt man zu ahnen, dass die Texte als "Gesamtwerk" voller Querverweise und voller augenzwinkernder Überschneidungen gelesen werden muss. 
Und spätestens jetzt ist Tschick viel mehr als eine unterhaltsame Schullektüre. Es ist ein Gesamtkunstwerk.