Sonntag, 6. August 2017

Warum Herr Hagenbeck sterben muss - Alkoholismus im Roman

Bücher die Alkoholkonsum auf unterschiedliche Weise
aufarbeiten
Meike K. Fehrmann, meiner Autorenkollegin aus Traunstein ist es gelungen, gleich mit ihrem ersten Roman einen Nerv zu treffen: "Warum Herr Hagenbeck sterben muss" ist ein Jugendroman über das meist tabuisierte Thema Alkoholismus. 
Besonders das Traunsteiner Annette-Kolb-Gymnasium hat das Buch bereits in den Unterricht mit einbezogen. Bemerkenswert ist auch, dass das Thema gleich von der lokalen Kulturszene aufgenommen wurde: Das Junge Ensemble Chiemgau unter Leitung von Svetlana Teterja-Pater den "Hagenbeck" als Theaterstück inszenierte. Das Stück wird seither immer wieder aufgeführt. Zuletzt in der Theaterstrickerei in Grabenstätt. 

Warum muss Herr Hagenbeck sterben?

Lukas ist ein durchschnittlicher Teenager. Was sein Leben außergewöhnlich macht: Sein Vater ist Alkoholiker. Während Lukas und seine Schwester Anne zwar immer wieder unter den Eskapaden ihres trinkenden Vaters zu leiden haben, ist ihr Alltag beinahe der einer trauten Familie im Vergleich zu Lukas'  Freund Kevin. Herr Hagenbeck ist nämlich Stiefvater von Kevin, ebenfalls Alkoholiker und einer der übelsten Sorte: Er schlägt seine Frau und das Kind, wenn er betrunken ist. Zusammen mit dem reichen Söhnchen Alexander, der sich ebenfalls outet, Sohn eines Alkoholikers zu sein, gründen die Teenager einen Club mit einem Ziel: Den gefährlichen Herrn Hagenbeck zu töten.
Zugegeben, eine provozierende Handlung. Dennoch ist es ein - trotz vieler empörender Ereignisse - leicht beschriebenes, oft humorvolles Jugendbuch das dazu einlädt, kontrovers diskutiert zu werden. Also ideal, um im Unterricht von Schulklassen durchgenommen zu werden.

Warum man Herrn Hagenbeck lesen muss 

Das Thema Alkoholismus wird bei uns in Bayern ebenso tabuisiert, wie der Alkohol an sich ein fester Bestandteil unseres Alltags ist. Der Konsum von Bier und Wein ist sozial toleriert, sogar erwünscht. Ein Landrat beispielsweise, der zum Frühschoppen Apfelschorle trinkt, kann kein echter Bayer sein. 
Meike K. Fehrmanns Roman lenkt den Blick auf die nicht zu unterschätzende Zahl von Menschen, die im direkten Umfeld eines alkoholkranken Menschen den Alltag zu bestreiten haben. Es lädt den Leser dazu ein zu reflektieren, wie der eigene Bezug zum Alkohol ist und wann der Zeitpunkt überschritten ist, an dem es "lustig" ist, einen über den Durst zu trinken. 
Besonders als Autor eines Buches, in dem von jungen Erwachsenen jede Menge gesoffen wird, ließ mich ein unangenehmes Gefühl nach der Lektüre nicht mehr los. Wer die "Kleinstadtrebellen" gelesen hat weiß, dass Cuba Libre eine Hauptrolle spielt, dass Justin, Peter und die anderen im Rausch so manche Straftat begehen. Der Erzähler wie der Autor schildern diese Exzesse allerdings heiter und wohlwollend. Nach dem "Hagenbeck" frage ich mich: Ist mein Justin ein Alkoholiker? Hätte ich Greta, seine Freundin, noch mehr unter seinem vom Alkohol angestachelten Treiben leiden lassen sollen?
Der Herr Hagenbeck wirft Fragen auf, da es eine feine Linie ist, die aus jugendlichem Wochenend-Alkoholkonsum eine Krankheit macht. Die einen haben vielleicht Glück gehabt, dass sich Konsum nicht in Sucht verwandelte. Andere nicht.
Was allerdings mit jenen passiert, die dieses Glück nicht hatten, lässt sich also nachlesen in "Warum Herr Hagenbeck sterben muss". Und deshalb sollte man auch dieses Buch unbedingt gelesen haben.

Herrn Hagenbeck kann man hier bestellen: https://meike-k-fehrmann.com/meine-buecher/

Mittwoch, 2. August 2017

Wie Sie auf Ihrer Lesung ein garantiert volles Haus haben

10 Tipps für Autoren - Die Autorenlesung

So mancher Autor startete mit einer gefeierten Lesung
seine grandiose Karriere
Viele Autoren kennen das: Das Buch ist geschrieben, gedruckt. wird aber von Amazon und selbst dem Buchladen um die Ecke sträflich ignoriert. 
Die Lösung? Eine Lesung!  
Da es kein größeres Marketingdesaster gibt als vor leeren Stuhlreihen zu lesen, hier 10 todsichere Tipps, wie Ihre Lesung zum umjubelten Kulturevent des Jahres wird und Sie und Ihr Buch mit einem Schlag berühmt macht:



Nichts ist schlimmer als leere Stühle
auf einer Lesung
  1. Mieten Sie sich im größten Saal Ihrer Stadt ein! Je größer, desto besser. Nichts ist demütigender als ein volles Haus - in einer Besenkammer.
  2. Machen Sie möglichst wenig Werbung! Ihre Leser wollen nicht bevormundet werden. Wer sich für Ihr Werk interessiert, der muss nicht extra von Zeitungsartikeln oder - noch schlimmer - Social Media Posts ständig auf Ihre Lesung hingewiesen werden.
  3. Sie wollen auf ein Plakat nicht verzichten? Ok, dann verraten Sie nicht zuviel! Es reicht völlig, den Ort, Uhrzeit und den Hinweis "Lesung" auf das Plakat zu drucken. Auch das Wort "Literatur" in großen Lettern zieht immer. Wenn Sie mit Details glänzen möchten, können Sie ja eine möglichst avantgardistisch-verspielte Clipart groß auf dem Plakat platzieren. Idealerweise eine Grafik, die rein gar nichts mit dem Thema Ihrer Lesung zu tun hat. Leser lieben Überraschungen!
  4. Verzichten Sie auf ein unterhaltsames Rahmenprogramm. Musikbegleitung oder ähnliches lenkt die Zuhörer nur von Ihrer Literatur ab. Wenn schon unbedingt Musikbegleitung, dann wählen Sie Musik, die im scharfen Kontrast zu Ihrem Buch stehen: Also Jazz bei Popliteratur. Einen Elektro-DJ zu einer Mundartlesung. Auch eine klassische Harfinistin soll so manche Lesung eines Jugendromans hübsch umrahmt haben.
  5. Sie möchten gemeinsam mit einem Autorenkollegen auftreten? Immer schlecht. Wer teilt schon gerne die Aufmerksamkeit der Zuhörer? Wenn, dann sollten es möglichst viele Autoren auf der Bühne sein. Je mehr Autoren aus möglichst unterschiedlichen Genres, desto mehr Zuhörer werden Sie zu Ihrer Lesung locken.
  6. Wer ist ein geeigneter Co-Autor? Lassen Sie niemals zu, dass ein gutaussehender Autor / Autorin neben Ihnen auf der Bühne Platz nimmt. Erfahrungsgemäß sind gutaussehende Menschen schlechte Autoren - und niemand will auf die Lesung von Autoren gehen, die zwar ein optischer Leckerbissen sind, aber miese Prosa liefern.
  7. Zusammenarbeit mit Schulen? Niemals! Es gibt kein schrecklicheres Publikum als Hunderte Schüler, die Ihrem Werk lustlos folgen, dazwischenquatschen und am Ende doofe Fragen stellen. Schulklassen auf Lesungen sind die Hölle!
  8. Humor hat auf Lesungen nichts verloren. Literatur ist eine ernsthafte Angelegenheit. Lassen Sie sich nicht dazu hinreißen, lustige Zoten zu reißen. Im Gegenteil! Referieren Sie ausführlich darüber, wie Ihr Werk entstanden ist!
  9. Werden Sie Mitglied in einer Autorenvereinigung! Dann brauchen Sie sich nie wieder um Ihre Besucherzahlen den Kopf zu zerbrechen. Denn allein die zahllosen Autorenkollegen/innen, die Sie bei Ihrer Lesung unterstützen wollen, werden für ein volles Haus sorgen! 
  10. Verlangen Sie den Eintritt, der Ihnen zusteht! Freier Eintritt sagt nichts anderes als: Der Abend ist nichts wert. Verlangen Sie mindestens 8 EUR. Zu wenig? Sollten Sie 15 EUR oder mehr verlangen wollen, gestalten Sie den Abend länger: Drei Stunden mindestens. Kündigen Sie dies auf dem Plakat an! Verglichen mit 4 Stunden Literaturlesung sind 20 Euro fast geschenkt!
Sie haben sich an alle Tipps gehalten? Herzlichen Glückwunsch! Sie werden im Nu zum beliebtesten Autor der Stadt und treten bald nur noch auf, wenn der Bürgermeister eine Laudatio hält. Oder der Landrat. Oder der Papst.

Dienstag, 1. August 2017

Wie Jan Wagner zur Lyrik verführt und ich was gelernt habe

Jan Wagners Lyrik inmitten meiner Zierpflanzenzucht
Jan Wagner, einer der Autoren der Stunde, Abräumer der wichtigsten Literaturpreise, ist  ein wunderbar seltenes, vom Aussterben bedrohtes Pflänzlein: Er ist Lyriker!
Klar, als Student durchforstete man noch die Liebhaberbuchhandlungen auf der Suche nach Heinrich Heine und Josef von Eichendorff. Aber zeitgenössische Dichtung kam einem nicht ins Haus. Höchtens mal der Erich Fried wegen seinen Liebesgedichten. Also dem einen. Aber keine Bachmann und der dichtelnde Grass schon gleich gar nicht. Warum jetzt also Jan Wagner?
Schuld ist die Autorenkollegin Meike K. Fehrmann. Auf der Schreibwerkstatt der Chiemgau Autoren auf der Rabenmoosalm versuchte sie, uns laptoptippenden Stubensitzerautoren mit Literatur über und in der Natur zu begeistern. 
Doch davor muss ich noch ganz was anderes erzählen: Als begeisterter Leser von Thoreaus "Walden" und leidenschaftlicher Garten-Amateur - manche nennen es Bio-Legastheniker, ziehe ich Jahr für Jahr unkontrolliert aber effektiv die tollsten Pflanzen. Dieses Jahr gingen von den unzähligen Samenstücken folgende Pflanzen auf: Erbsen, Gurken, Radieschen, Tomaten. Und eine wunderschöne Zierpflanze, die ich erst für eine Kartoffel hielt, später für den Sonnenhut den ich bereits im letzten Jahr in ebenselben Topf angepflanzt habe. Die Zierpflanze wuchs wahrhaft prächtig und es ließen sich mühelos Ableger nehmen und bald war es mir gelungen, sie zwischen Rucola und Zucchini zu ziehen, wo sie mit ihrer Pracht das Hochbeet verzierte. 
Die Chiemgau-Autoren lauschen dem Giersch
Und wie heißt sie, diese Wunderpflanze?
Jan Wagner bzw. Meike K. Fehrmann hat mich den Namen dieser außergewöhnlich robusten Pflanze gelehrt: Siehe "Regentonnenvariationen, Gedicht I": Meike K. Fehrmann räusperte sich, während im Hintergrund die Kuhglocken läuteten und der warme Sommerwind durch die Fichten fuhr. "Nicht zu unterschätzen:", rezitierte sie mit kräftiger Stimme die Lyrik Jan Wagners, "der Giersch" 
Mit jeder neuen Strophe, gewitzt gereimt, wortstark erdichtet, zeichnete Jan Wagner mit Meike Fehrmanns Stimme das Portrait jener Pflanze die ich - gleich der Kleine Prinz seine Rose - seit Wochen pflegte und umhegte: Der Giersch! Der Tyrannentraum, das Tyrannenunkraut, Nemesis des Deutschen Kleingärtners. 
"Der Giersch" hatte nun gleich mehrere Konsequenzen: 
- Der Musengärtner in mir ehrte die Pflanze fortan noch mehr.
- Zurück im Tal rannte ich sofort in den nächsten Buchladen und holte mir Jan Wagners Regentonnenvariationen. Und...
- Meike K. Fehrmann gelang es zwar nicht, ihre Autorenkollegen/innen zur Naturlyrik zu verführen, aber Jan Wagner verführte sie zum Dichten über die Natur.
So entstand ihr Gedicht "Die Kohldistel", die sie erst neulich auf der Bühne vortrug. Hier das Video: https://meike-k-fehrmann.com/2017/07/28/von-der-schreibwerkstatt-auf-die-buehne-video/
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So und ab jetzt wird wieder kräftig gedichtet! Wer macht mit?

Sonntag, 30. Juli 2017

Metro, Festung & Co. Wie viel Traunsteiner Szene steckt in den Kleinstadtrebellen?

Was Hausaufgaben.de noch nicht weiß: Die Interpretation

Buch und Papst passt gut zusammen
Die Kleinstadtrebellen sind mehr als ein lustiges Buch über das Erwachsensein, es ist auch eine Hommage an die Traunsteiner Subkultur- und Clubsezene der sogenannten "Nullerjahre".
Nicht erst seit das Buch von der 11. Klasse der Fachschule für Hotel und Tourismus an der Kalscheuerschule gelesen wurde, wollen alle wissen: Wer ist was, was ist echt, was ist erfunden?

Die Retro


...und darum geht's im Schnelldurchlauf
Der Lieblingsclub der Kleinstadtrebellen ist der Club Retro. Dabei handelt es sich - unschwer zu erkennen - um den Club Metropolitain. Die Metro/Retro war wie im Buch damals der angesagteste Club der Stadt und nirgends legten so gute DJs auf. Auch den Brand, der zum großen Finale der Kleinstadtrebellen führt, hat es wirklich gegeben. Und auch damals waren Kleinstadtrebellen unter den Verdächtigen - die tatsächlich ein geniales Alibi hatten: Sie waren zur Brandzeit auf der Polizeiwache wegen eines Kleindeliktes...

Das Rock-Café


Natürlich gibt es auch in Traunstein ein Rock-Café das man idealerweise erst ab zwei Uhr Morgens zu besuchen hatte. Auch hier steht ein freundlicher Grieche an der Tür, der jeden Gast einzeln begrüßt. Insider brauchen hier selbstverständlich keinen Wink mit dem Zaunpfahl um sofort zu erkennen, dass es sich um die legendäre Traunsteiner "Villa" handelt.

Die Riederer Mühle


Das legendäre Bauernhaus wird bald abgerissen
Schwieriger wird es, den Ursprung der Riederer Mühle zu erklären: Natürlich ist die Lokation der Mühle jene, in der sich das Café Festung unterhalb der Stadt befindet. Aber letztendlich ist es nicht die Festung, die Vorbild für das wilde Treiben in der Riederer Mühle wurde: In erster Linie ist es eine Hommage an das sogenannte "Bauernhaus", einer WG direkt neben dem Krankenhaus in der seit Generationen die wundersamsten Konstellationen lebten. Ende der "Nullerjahre" fanden dort legendäre Partys statt, die - auch dies fand den Weg ins Buch - eines Tages von einem Großaufgebot an Polizei aufgelöst wurde. Einige der Ereignisse in der Riederer Mühle - Stichwort "Sack" und "Schlangenparty" sind nicht der Traunsteiner - sondern der Mühlrieder Szene (Mühlried bei Schrobenhausen) zuzuschreiben. Und daher kam auch der Name: Riederer Mühle.

Das KFK


Auch hier hat sich der Autor gar nicht erst die Mühe gemacht, das Original kunstvoll zu verschleiern. Das KFK ist - Sie haben es geahnt - nichts anderes als das Kafka. Kontrovers diskutiert wurde es, welcher der Monta-Music Herren als fieser Veranstalter mit goldenem Herz porträtiert wurde. Ehrlich gesagt: Ich kannte weder den Würz Helmut noch seinen Kollegen als ich das Buch geschrieben habe. Sämtliche Ähnlichkeiten sind in der Tat: Reiner Zufall. Freiberger ist übrigens eine Kneipe in der Unterstadt und ich hab den Freiberger so dargestellt, wie ich mir einen Kneipier in Traunstein halt vorstellte : )

Die Streiche der Kleinstadtrebellen


Rosa steht ihm ganz gut zu Gesicht
So ziemlich alle der in den Kleinstadtrebellen aufgeführten Streiche sind in Traunstein tatsächlich passiert: Die Gorillas auf dem Stadtplatz gab es ebenso wie den Brand in der Metro. Auch die Papstbüste wurde beschmiert. Und zwar nicht nur einmal. Gute zwei Jahre nach Erscheinen der "Kleinstadtrebellen" gab es einen Trittbrettfahrer, der den guten alten Papst Benedikt Ratzinger rosa färbte. Verdächtig waren neben den üblichen Kleinstadtrebellen und Kneipiers auch ein erfolgloser Chiemgau-Autor dem man zutraute, die Buchverkäufe mit der Aktion anzukurbeln.

So, liebe Schüler - noch Fragen zu den Kleinstadtrebellen? Einfach Kommentar oder Mail auf strasserbp@gmail.com


Freitag, 28. Juli 2017

Chiemgauer Kultur - Tage zwischen Genie und Wahnsinn

Ronja von Rönne ganz unmontessorisch, Kegel kennt kein Kulturbudget und Chiemgau - Autoren keine Zeitvorgaben

Hannah Montana vs. Miley Cyrus

Die Chiemgauer Kulturtage 2017 und die beste Veranstaltung stand gar nicht im Programm: In der Theaterstrickerei Grabenstätt spielten Schüler der Montessorischule das Stück "Wie es uns gefällt", geschrieben von Ronja von Rönne und Michael Wolf. Und das Berliner Lit-It-Girl war auch noch persönlich da. Ob freiwillig, oder von ihrer Mama, der Schulleiterin, zwangsverpflichtet, ließ sich nicht eruieren. Jedenfalls las sie aus ihrem Buch "Heute ist leider schlecht" vor und teilte vergnügt gegen die Mama aus: Die hatte den Buchtitel falsch auf das Plakat drucken lassen. Auch die zweite Reihe bekam ihr Fett weg, als sich die Schüler/innen recht laut über über die von Rönne-Texte wegschmissen: "Jetzt aber Ruhe, sonst gibt's eins auf die Fresse...So ganz unmontessorisch", fügte sie grinsend hinzu und die antiautoritär erzogene Theateraudienz tobte. Vor Lachen. 
Sehr ernst ging es in der Theaterstrickerei zu

Nicht weniger wild ging es anschließend im Stück zu. Pippi Langstrumpf bekehrte die böse Hexe, Sherlock Holmes jagte den Räuber Hotzenplotz und zwei schizophrene Hanna Montanas verliebten sich in einen Vampir. Leidenschaftlich gespielt von den Montessorischülern, ein großer Spaß. Auch der Berliner Autor Tilman Rammstedt saß im Publikum, belagert von einem  Autorengroupie und einen Abend lang war Grabenstätt die Kulturhauptstadt des Chiemgau. Doch was für uns Landeier wie Ostern und Weihnachten zugleich vorkam, blieb die Ausnahme der Regel. Über die von Rönne-These, dass in ihrer Heimat kulturell nix geboten sei, wurde tags darauf im Café Festung diskutiert: 

Traunstein vs  Kultur?


Sie schaffen Kultur in der Bierstadt Traunstein
Moderiert von Christian Latzlsperger diskutierten lokale Künstler mit Publikum und Oberbürgermeister - dieses Jahr in den Argumenten angepasster Wirtshausatmosphäre. So berichtete Meike K. Fehrmann von den Aktionen der Chiemgau-Autoren, die so viele waren, dass sie vom Moderator eingebremst werden musste. Judith Bader wollte diskutieren, was Kunst eigentlich ist.  Nur die Teilnehmer hatten keine Lust darauf. Und bis auf die Schlagworte "Form und Inhalt" blieb dieser Punkt offen. Fricko Friese lobte die Kulturschaffenden die mit oder ohne Widerstand ihrer Gemeinde Konzerte veranstalten und Bürgermeister Kegel sinnierte, wie hoch der Kulturetat Traunsteins eigentlich ist. Vierstellig? Oder doch fünfstellig?  War ja egal, denn Kultur sollte in erster Linie ja erstmal ehrenamtlich geschaffen werden, so der Tenor der Politikverantwortlichen.
Einer der Autoren der es zu gut mit dem Publikum meinte
Genau das taten die rührigen Damen und Herren der Chiemgau - Autoren am Donnerstag. Im bis auf den letzten Platz vollbestuhlten Nuts boten sie ein bombastisches Programm: Sechs Autoren lasen Texte vor, die zuvor auf der Rabenmoosalm entstanden waren. Und damit den wenigen Zuhörern zur Belohnung ordentlich was geboten wurde und um all die, die zu Hause geblieben waren zu ärgern, richtig was verpasst zu haben, legte jeder einzelne der Autoren eine gewaltige Schippe auf das ursprünglich geplante Programm obendrauf. Gratis! Nur fünfzehn Minuten lesen? Das schien den Autoren zu wenig und man überbot sich gegenseitig, entweder noch längere Texte vorzutragen, oder noch epischer darüber zu referieren, wie der Text entstanden ist . Denn jeder einzelne Zuhörer sollte bis zum Ende dieses ereignisreichen Abends kapiert haben, "Wie Literatur entsteht"
Diese epische Überwältigungsstrategie ging völlig auf,  Knausgard hätte es nicht besser machen können und selbst Frau Bader hätte nach diesem herausfordernden Abend eingestehen müssen: Ja, das ist große Kunst! Noch spannender aber ist die Frage, was wohl Frau von Rönne zu den ehrenamtlichen Kulturbemühungen ihrer alten Heimat geschrieben hätte, wäre sie dabei gewesen. Leider verließ sie, die Meisterin der ironischen Ironie den Chiemgau bereits Tags zuvor und verabschiedete sich auf instagram standesgemäß mit einem zünftigen "Fuck You Bavaria"


Sonntag, 23. Juli 2017

Mit den Chiemgau Autoren auf der Rabenmoosalm

Sterne sieht man Nachts in der Stadt kaum mehr.
Außer man ist auf einer Alm!
Auf der Rabenmoosalm mit meinen Autorenkollegen Meike K. Fehrmann, Michael Inneberger, Armena Kühne, Monika Klinkenberg-Weigel und - dieses Jahr neu: Martin Trautwein. Vier Tage Schreibwerkstatt in den Bergen. Vier Tage zwischen Genie und Wahnsinn. Mit anderen Worten: Inspirierend und anregend wie schon im letzten Jahr!
Die Schreibwerkstatt der Chiemgau Autoren auf der Rabenmoosalm war letztes Jahr eine Entdeckung. Vier Tage auf einer Alm, ohne Internet und Handynetz inklusive inspirierende Zeit zum Schreiben und regen Austausch mit anderen Autoren. Die ersten werten Leser werden nun die Stirn runzeln: Eine Gruppe verkopfter Schriftsteller fünf Tage allein auf einer Alm? Wie funktioniert das? Werden die nicht verhungern? Glücklicherweise handelt es sich bei der Schreibalm um keine Hochalm. Es gibt Strom und fließend Wasser und die Autoren sind auch nicht darauf angewiesen, die Almkühe zu melken, um das täglich Überleben zu sichern. So viel Komfort bietet die Rabenmoosalm dann doch. 
Anders als im Artikel suggeriert wirkten diese
wandernden Autoren äußerst zielstrebig
Dennoch gab es auch dieses Jahr so manch Situationen in denen der uneingeweihte Wanderer sich fragte, was denn am Fuße des Zinnkopfs an diesem Wochenende wohl Verrücktes los ist. So wurde ein älterer Herr gesichtet, der durch die Wälder wanderte, nichts bei sich tragend außer einer Aktentasche, einem Regenschirm und einer Packung Windeln. Angesprochen, ob bei dem armen Mann alles in Ordnung sei, hätte dieser nur antworten müssen: "Ich bin einer der Chiemgau-Autoren." Es hätte nur ein erleuchtendes Nicken gegeben: "Ah!" 
Andere Wanderer sichteten eine Familie sich keine zehn Meter parallel des Weges durch das Dickicht des Fichtenwaldes kämpfen. "Wo ist denn der Zinnkopf?", rief der Familienvater verzweifelt. "Der ist ganz woanders. Wer seid ihr denn?" "Wir sind die Chiemgau-Autoren!" 

"Aah", machte der Mann und ließ die seltsame Familie weiter durchs Dickicht irren.
Ein anderer Mountainbiker berichtete, dass er an der Rabenmoosalm ein zweijähriges Kind mutterseelenallein am Lagerfeuer sitzen sah. Neben ihm ein scharfes Messer und eine Bierflasche. Erst wollte er das Jugendamt rufen. Dann sah er, dass dort eine Schreibwerkstatt stattfand. Der Chiemgau-Autoren. "Aaah!", machte er und fuhr weiter.
Auch unten im Tal in Ruhpolding wurde im Edeka erzählt, dass eine Gruppe für die Rabenmoosalm gerade massenweise Gurken, Joghurt und Apfelmus eingekauft hatte und die Küchenrolle an der Kasse liegengelassen hatte. "Was waren denn das für Vögel?" "Das waren die Chiemgau-Autoren." "Aaaah", machte die Kassiererin.
Aber auf der Rabenmoosalm passierte noch viel mehr: Es wurde wieder an Texten gearbeitet - über Intrigen auf einer polnischen Burg im 11. Jahrhundert, die Wahrheit über die Geburt von Christoph Kolumbus oder einen nach ruß riechenden Geist, der wiederum auf einer Schreibwerkstatt in der Toskana erscheint. Es gab Werkstattunterricht zu den Themen "Natur in der Literatur", "Metaphorik und Symbole in Thomas Manns Tod in Venedig" und "Darstellung von Massenszenen in der Literatur". 
Dass Literatur auch entsteht, wenn man Spaß hat, welche Rolle Natur dabei spielt und wie sich Geschichten weiter entwickeln, darüber werden die Autoren am kommenden Donnerstag, den 27. Juli im Nuts in Traunstein berichten. Dort lesen sie ihre Texte vor, an denen sie auf der Rabenmoosalm gearbeitet haben. Und ich bin auch dabei.


Die Rabenmoosalm im Elterntagebuch: Hier klicken


Montag, 3. Juli 2017

Wolfgang Herrndorf, die ZIA und der Bachmannpreis

Die Zentrale Intelligenz Agentur in Klagenfurt

Wolfgang Herrndorf, 2013 verstorbener Autor des modernen Literaturklassikers "Tschick", gewann 2004 in Klagenfurt beim Bachmannpreis den Publikumspreis. Aufmerksamen Lesern seines Blogs "Arbeit und Struktur" ist bekannt, dass ihn seine Niederlage - den Hauptpreis gewann Uwe Tellkamp - noch fast zehn Jahre später wurmte. Liest man die Nachberichte zum damaligen Wettkampf durch, stößt man noch auf einige witzige Anekdoten: Unter anderem, dass es sich bei Herrndorfs Auftritt um eine konzertierte Aktion, gar den Versuch einer feindlichen Übernahme des Bachmannpreises durch die "ZIA" handelte. Herrndorf trug nämlich, als er seinen Text "Diesseits des van Allen Gürtels" vortrug, ein T-Shirt auf dem ein Computer mit einer Tastatur und exakt drei Buchstaben abgebildet war: ZIA. Was die ZIA vorhatte und wann es ihr gelang, erfuhr man erst zwei Jahre später.
2004 war Herrndorf ein dem großen Publikum gänzlich unbekannte Autor eines Romans namens "In Plüschgewittern". In Klagenfurt setzte er sich am ersten Tag klar gegen die anderen Schriftsteller durch, unter anderem gegen Juli Zeh, deren Text die Jury spaltete.
Am Tag Zwei kam also Uwe Tellkamp dran: Er las "Der Schlaf der Uhren" aus seinem später berühmten Roman "Der Turm". Die Jury war begeistert. Herrndorf wurde bis zuletzt nicht müde, den Turm literarisch auseinander zu nehmen.
Quelle: http://archiv.bachmannpreis.orf.at/bachmannpreisv2/static2.orf.at/
vietnam2/images/site/bachmannpreis/200426/herrndorf_jung.jpg
Die Konkurrenz am letzten Wettbewerbstag hatte es ebenfalls in sich: Arno Geiger, der heute einer der bekanntesten österreichischen Autoren ist. Und der Philosoph Richard David Precht, der heute vor allem für sein Buch "Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?" bekannt ist.
Den triumphalen Sieg trug bekanntlich Uwe Tellkamp davon. Über den Publikumspreis entschied wiederum keine Jury sondern das Publikum - per Internet. Jetzt muss man wissen, dass Anfang der 2000er Jahre der Bachmannpreis von einer Autorengruppe, die im Internet als "Höfliche Paparazzi" bloggte, intensiv verfolgt und kommentiert wurde. Mit dem Support der geheimnisvollen Hintergrundorganisation "ZIA", zu der einige der Höflichen Paparazzi gehörten, wurde Jahr für Jahr ein Autor mit dem Ziel, den Wettbewerb zu untergraben und letztendlich zu gewinnen, in Klagenfurt eingeschleust.
2004 gelang nur der Publikumspreis - Herrndorf setzte sich logischerweise durch, weil vermutlich halb Berlin sich einloggte, um für ihren Autor abzustimmen.
Im Jahr darauf scheiterte auch Natalie Balkow (immerhin gewann sie den Ernst-Willner-Preis). 
Für den endgültigen Coup sorgte erst Kathrin Passig 2006 mit dem Sieg des Ingeborg-Bachmann-Preises. Passig, die die ZIA 2001 zusammen mit Holm Friebe und anderen gegründet hatte - begeisterte mit dem Text "Sie befinden sich hier" die Jury. Da auch wieder die Höflichen Paparazzi höflich mitvoteten, gewann Passig zusätzlich auch den Publikumspreis. 
Im Jahresrückblick der ZIA kann man in einigen sehr witzigen Videos die Planung des Coups noch einmal nachhören:

Nachdem es gelang, den Wettbewerb zu kapern und somit obsolet zu machen, begann man die folgenden Jahre, den Gewinner gleich anhand eines Computeralgorithmus auszurechnen: Der "Automatische Literaturkritik Preis" ging 2008 beispielsweise an Tilman Ramstedt. Der Computer errechnete den späteren Sieger des Bachmannpreises einige Stunden vor der Jury in Klagenfurt, die etwas länger brauchte. 

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