Montag, 9. Oktober 2017

Meine Crew, meine Schreibschule, mein Autorennetzwerk

Die Memoiren von Traunsteins
zweitkleinstem Schriftsteller
Vergesst alles, was ihr jemals über Autoren und das Schreiben gehört habt! Schriftsteller sind keine Genies die den ganzen Tag in der finsteren Stube sitzen und Genialitäten aufs Papier bannen. Literaten brauchen Inspiration, brauchen ihre Gang, sie brauchen ihre Autorenkneipe! Kein namhafter Schriftsteller kam ohne seine Autorenbuddies aus. Ziemlich beste Freunde, manchmal Feinde, sie hassten und sie liebten sich. Sie waren gleichermaßen Konkurrenz und Inspiration. Was sie immer taten: Sie wirkten aufeinander ein, beeinflussten sich, bis das Werk des jeweils anderen neue Horizonte überschritt. Goethe chillte mit Schiller. Thomas Mann battlete sich mit seinem Bruder Heinrich. Hemingway feierte mit Scott F. Fitzgerald und der ganzen Pariser Gang. Es gab eine Weimarer Klassik, Heidelberger Romantik, eine Frankfurter Schule. 
Auch ein kleiner Hobbyautor im Chiemgauer Voralpenland, der für kurze Zeit einmal Traunsteins zweitbester Schriftsteller war, träumte davon, einmal Teil einer Autorenclique zu sein. Wenn er sinnierend über den Stadtplatz flanierte, saß er gedanklich in den Wiener Cafés. Dort trank er Schnäpse mit Kehlmann und Glavinic, lästerte mit Marco Michael Wanda über Stefanie Sargnagel und lugte verstohlen zu Vea Kaiser, unbestritten Österreichs zweitschönster Autorin, hinüber.
Dann las er, mindestens einmal zu oft, Herrndorfs Arbeit und Struktur und saß nächtelang mit Holm, Cornelius und Philipp im Prassnik oder spielte Fußball an der Bergstraße. So träumte der kleine Literat tagaus tagein davon, einmal Teil einer Autorenclique zu sein.
Doch mit der Zeit reichte ihm das Träumen nicht mehr. Er wollte wirklich echte Schriftsteller zum Freund haben. Autoren mit denen man über Schreibblockaden jammern und vom großen Opus Magnum fantasieren konnte. Gleichgesinnte, die die Sorgen des Schreibenden teilten und mit denen er legendäre Lesungen veranstaltete und Veröffentlichungserfolge feierte. 
Monat für Monat semperte er in weinseliger Stimmung beim Stammtisch der Chiemgau-Autoren von diesem großen Traum und fragte Michael Inneberger und Meike K. Fehrmann seufzend, ob sie ähnliche Träume hegten. 
Der kleine Literat suchte auch in Schrobenhausen, München und Barliano. Doch weder der Norbert noch der Arwed konnten ihm weiterhelfen. Und eine Gruppe Wildschweine zuckte grunzend die Schultern.
Es musste doch irgendwo in Bayern eine coole Clique spannender Autoren geben die Bock hatten, Abends gemeinsam Fußball zu spielen und danach ins nächste Wein-Beisl zu gehen und, vielleicht nicht gleich zu koksen, aber zumindest über Proust zu diskutieren. 
Dem kleinen Literat kam die Digitalisierung 4.0 entgegen. Auch wenn sie in seiner Heimatstadt noch um die Digitalisierung 1.8 herumdümpelte. Er nutzte sämtliche Social Media Kanäle und schrieb alle wilden Jungautoren an, die er bisher kennengelernt hatte: Den Fabian aus Würzburg, den Matthias aus München, den Ralf aus Passau. Doch auch sie hatten keine Ahnung, wie man eine coole Autorenclique gründen könne. 
Letztens holte er sich in Berlin Rat bei der Ronja, einem Mädel aus seinem Nachbardorf und bei ihrem Freund Tilman. Auch sie konnten ihm nicht dabei weiterhelfen, endlich in Gesellschaft supercooler Autoren Bier zu trinken und über Literatur zu diskutieren. Sie boten ihm mitleidig an, ihm Cornelius, Holm und Philipp vorzustellen. Aber leider hatten sie weder die Handynummer vom Glavinic, noch die Email von der Vea Kaiser. Deprimiert winkte der kleine Literat ab. 
Er würde weitersuchen! Irgendwo musste doch seine Crew, seine Schreibschule, sein Autorennetzwerk auf ihn warten! Spätestens am Montag beim Stammtisch der Chiemgau-Autoren würde er wieder nachfragen, ob nicht jemand einer passenden Literaten-Gang irgendwo begegnet sei. Er würde nicht aufgeben! Nein, er wird nicht aufgeben!

Sonntag, 8. Oktober 2017

Gibt es ein Arbeit und Struktur - Wiki?

Wolfgang Herrndorfs Blog "Arbeit und Struktur" ist auch in Buchform ein eindrucksvoll zu lesendes literarisches Werk. Der Mehrzahl der Leser, die nicht mit der Berliner Literaturszene vertraut sind, werden die vielen aufgeführten Namen, Örtlichkeiten und Querverweise zunächst wenig sagen. In den Internetsuchmaschinen landem demzufolge die Frage nach einem "Arbeit und Struktur Wiki" oder "Wer ist C?" dementsprechend weit oben.
Es ist zu erwarten, dass es eines Tages ein Arbeit und Struktur - Wiki geben wird. Zu wirkmächtig war die Literatur, die der Berliner Autor Herrndorf hinterlassen hat. Zudem ist Arbeit und Struktur eine einzigartige Mischung aus Autobiographie, Krankheitsbericht, Momentaufnahme der Berliner Literaturszene und vieles mehr.
So sinnvoll für die heutigen und späteren Leser ein Arbeit und Struktur - Wiki wäre, es bleibt ein schmaler Grad: Liest sich das Buch für den gewöhnlichen Leser wie ein letztes Zeitzeugnis eines todkranken Schriftstellers, so ist es für die Beteiligten ein noch nicht lange zurückliegender Live-Bericht eines mehr als drei Jahre währenden Dramas. Eines, das mit dem Tod des Freundes und Kollegen endete.
Da die literarische Bedeutung mit den Jahren voraussichtlich weiter steigen wird, stelle ich hier für interessierte Leser eine Linkliste zu wissenswerten Hintergrundinformationen zusammen die helfen könnten, "Arbeit und Struktur" in verständlicheren Kontext zu setzen:

Linkliste zum Thema Arbeit und Struktur


Der Werdegang von Wolfgang Herrndorf vom Maler zum Schriftsteller: Hier klicken

Eine Auswahl der in Arbeit und Struktur aufgeführten Personen: Hier klicken

Die Bücher: Literatur in Arbeit und Struktur: Hier klicken

Wer ist die ZIA? Die ZIA und der Bachmannpreis: Hier klicken

Eine schöne Stelle: Der Ort an dem Herrndorf starb: Hier klicken

Fotoserie zu den Orten in Arbeit und Struktur: Hier klicken

Holm Friebe über Wolfgang Herrndorf: Hier klicken

Die Zentrale Intelligenz Agentur ZIA 2006/2007:


Mittwoch, 4. Oktober 2017

Bekenntnisse des Hochstaplers Bernhard S

Wie ich beinahe Protagonist meines Lieblingsbuches geworden wäre

In Berlin fällt es leichter, der zweitbeste Schriftsteller aus
Traunstein zu sein
Bekenntnis: Nein, ich bin nicht der zweitbeste Schriftsteller Traunsteins. Auch bin ich nicht der in meinen Blogbeiträgen beschriebene  brillante Jungliterat der die Chiemgauer Kulturszene begeistert. Ich habe meine Leser in jedem einzelnen Post betrogen. In Wirklichkeit bin ich ein Plagiator. Jemand der schreiben will wie Glavinic in den "Glavinic"-Romanen und Lottmann in seinen "Lottmann" Tagebüchern. Einer der dabei die großen Namen der Wiener - und Berliner Szene gegen die der Chiemgauer Kultur er- und nebst seinen setzte.
Als Hochstapler enttarnt wurde ich ausgerechnet von jenen Kreisen denen ich meinte, den falschen Titel "Traunsteins zweitbester Schriftsteller" abspenstig machen zu müssen: Dem Milieu der Chiemgauer Krimi-Autoren. Enttarnt haben sie mich als biederen Beamten des gehobenen Dienstes, einen schreibenden Hochstapler mit mangelnden Grammatik- und Rechtschreibkenntnissen, aber vorzüglichem Ego. 
Geschasst von jenen Kulturkreisen zu denen mir mein früherer Lehrer Niemann riet, gegen sie "anzustinken" - in deren wohlige Wärme es mich in Wahrheit magisch hinzog, flüchtete ich an den einzigen Ort an dem ich noch Traunsteins zweitbesten Schriftsteller spielen durfte: Nach Berlin.
Kastanienbäume, Kastanienallee, Prenzlauer Berg. Eine laue Herbstnacht. Verstohlener Blick durch das Schaufenster eines Buchladens wo ein echter Schriftsteller eine Lesung hält und mehr als zehn  Zuhörer im Publikum sitzen. Berlin. Wehmut.
Weiter in die Szenekneipe. Treffen mit Berlin Mittes zweitbester Feuilletonistin und dem zweitbesten aus Bielefeld stammenden Schriftsteller. Sie wissen noch nicht, dass ich gar nicht Traunsteins zweitbester Schriftsteller bin. Oder sie wissen es längst. Auch sie haben Internet. Sie lassen sich nichts anmerken. Diskussion auf Augenhöhe. Gerührt.
Nach den harten Wochen seit meiner Enttarnung und der gemeinen Mail die ich seitdem bekommen habe, Austausch über Shitstorms. Es war bereits mein zweiter. Schon vor drei Jahren hatte ich einmal eine unschöne Mail bekommen.
Gespräch über Literatur. Natürlich. Lottmann sei in der Stadt und auch sein Freund und Wegbegleiter Holm Friebe kehre regelmäßig in diese Kneipe ein. Ich, der Hochstapler werde hellhörig. Weiß sie, dass ich in Wirklichkeit ein gar nicht so höflicher Paparazzo bin, der durch eine Überdosis des Buches "Arbeit und Struktur" dem Wahn erlag, ein guter Freund von Holm, Cornelius und Joachim zu sein? Ist das Treffen etwa als letzter Coup des zweitbesten Schriftstellers Traunsteins geplant, ehe seine nie vorhandene Autorenkarriere wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt? Geht der Hochstapler so weit, die kostbare Zeit der nettesten Shitstorm-Auslöserin Deutschlands und die ihres Freundes zu missbrauchen, nur um einmal in derselben Kneipe wie seine Idole zu sitzen?
Und um Haaresbreite wäre die Utopie des Hochstaplers aufgegangen: Die Feuilletonistin greift zum Handy und lädt kurzerhand Cornelius runter in die Kneipe ein. "Mit wem bist du da?", antwortet er kurz darauf. Wird Cornelius wirklich kommen und dem Pseudo-Literaten eine letzte große Bühne bereiten? "Mit Bernhard S." tippt die Journalistin in ihr Handy. 
Cut.

Donnerstag, 28. 11.2017 22:59
Im Schwarzsauer mit R. und T. Rauchschwaden. Mein drittes Bier und jede Menge Leitungswasser. R. hat Cornelius eingeladen und er antwortet mit einem Zitat aus meinem Blog. Er kommt nicht, aber er hat mich gelesen. Was viel schlimmer ist. Etwas verrutscht. Ein unwirklicher Abend kippt endgültig ins Surreale. An Nächten wie diesen klafft das Universum auf. Ich eine blasse Figur meines Lieblingsbuches. Hilflos begeistert und peinlich berührt von mir selbst. Derjenige der gerade diese Geschichte verfasst sollte sich mehr Mühe beim Skizzieren seiner Hauptfigur machen. Kill your darlings. Ich muss nach Hause. Kastanienallee, Kastanien. Steige in die falsche U-Bahn ein. Träume die ganze Nacht von Lottmann.

Samstag, 9. September 2017

Thomas-Bernhard-Haus in Traunstein wird abgerissen

Das Thomas-Bernhard-Haus wird abgerissen.

Das Wohnhaus eines der berühmtesten Bürgers der Stadt wird abgerissen. In anderen Städten gäbe es einen Aufschrei, Diskussionen, Bürgerinitiativen. In Traunstein gibt es einen Artikel in der Lokalzeitung in der sich alle auf das schöne neue Haus freuen und die Sache hat sich erledigt. Bei dem berühmten Bürger handelt es sich zwar um einen der einflussreichsten Schriftsteller und Dramatiker des vergangenen Jahrhunderts. Aber dieser Literat hatte es gewagt, nicht nur über Wien, Salzburg sowie ganz Österreich seine literarischen Wutausbrüche auszuschütten, sondern eben auch über Traunstein. Und dies kann literarisch noch so hochwertig sein, hier in Traunstein geht sowas ja gar nicht. Also: Weg mit dem Haus!
Man stelle sich mal die leicht geänderte Überschrift vor: "Papst-Benedikt-Haus wird abgerissen" - man mag sich gar nicht ausmalen, welche Stadtrats-Sondersitzungen und Lichterketten dies ausgelöst hätte. Klar, einen österreichischen Literatur-Papst kann man nicht mit einem wahrhaftigen emeritierten vergleichen. Aber in Sachen Tourismus kann, seitdem die Reisebusse aus Italien weniger werden, sehr wohl die Frage gestellt werden, ob nicht inzwischen mehr Thomas-Bernhard-Jünger in die Stadt kommen, um  auf den Spuren ihres Idols zu wandern. Es mag den Traunsteinern seltsam erscheinen, aber Thomas Bernhard hat bis heute eine leidenschaftliche Fan-Gemeinde. Wer sich dessen überzeugen will, sollte einmal eine von Willi Schwenkmeiers Thomas-Bernhard-Spaziergängen beiwohnen. Er erfährt auf diesen literarischen Stadtführungen auch, dass hinter Thomas Bernhards Traunstein-Beschimpfungen ein bisschen mehr steckt als eine profane Abrechnung mit der Stadt seiner Kindheit. Und auch, dass Bernhard über das kleine Ettendorf ebenso liebevoll geschrieben hat wie er auf Traunstein schimpfte.
Aber mit der literarischen Wirkung von Bernhards "Ein Kind" haben sich weder der der Redakteur des Traunsteiner Tagblatts noch der Besitzer des Thomas-Bernhard-Hauses eingehender auseinandergesetzt. Tenor im Zeitungsartikel: Das Haus ist nicht denkmalgeschützt, also kann man es auch abreißen. Außerdem, so der Besitzer: "Meine Oma hat ihn als Kind erlebt, als ein ziemlich auffälliges und gestörtes Kind, muss ich dazu sagen". 
Ein "Weltliterat"?
Und dieses gestörte Kind hat dann in seinem Buch über seine Kindheit auch noch geschrieben: "Nichts ist ekelerregender als die Kleinstadt, und genau die Sorte wie Traunstein ist die abscheulichste". Vielleicht sollte man nicht unerwähnt lassen, dass Thomas Bernhard während des Dritten Reiches in Traunstein gelebt hat. 
Unfassbar für Traunstein, dass dieses gestörte Kind als "Mann der Weltliteratur" bis heute so eine enorme Wirkung auf Literaten und Leser ausübt. Man fühlt sich sogar genötigt, das Bronzeschild, das auf Thomas Bernhard hinweist, auch am Neubau wieder anzubringen. "Falls die Stadt das wünscht". 

Ob die Stadt das wünscht? Denn darin scheint man sich in Traunstein einig: "Nichts ist ekelerregender als ein Weltliterat, und genau die Sorte wie Thomas Bernhard ist die abscheulichste!"

Hier: Thomas Bernhards Spaziergang durch Traunstein 

Sonntag, 20. August 2017

Traunsteins zweitbester Schriftsteller las im Kleidungsladen

Home is where the Lesung is
Wenn Traunsteins zweitbester Autor zur Lesung lädt, steht das Who is Who der Literaturszene stets Schlange, um Teil des großartigen Events zu sein. Auch diesmal waren die Superstars aus Literatur und Kunst wie Ronja von Rönne und Elena Muti - Muse Thomas Glavinic' zugegen. Allerdings nicht in persona, sondern nur virtuell in Werk und Bild. Auch die dritt- und viertbesten Autoren des Chiemgau konnten nicht, weil sie im Urlaub waren oder aus Neid auf das Talent des zweitbesten Schriftstellers der Stadt dessen Lesungen grundsätzlich boykottieren. Erkannt wurde im Publikum unter anderem ein heimischer Tumblr-Influencer, die literaturinteressierte 4-monatige Nichte des Schriftstellers und eine Handarbeitskünstlerin die kein Yoga betreibt.
Gehasst, verdammt, vergöttert: Der zweitbeste Schriftsteller Traunsteins
Ein milder Sommerabend in Ingemar Maiers Kleidungsladen.de, dem hipsten Laden der Stadt: Draußen wurde in der Abendsonne Pizza vom Cantuccio gegessen, drinnen übertrug Radio Festung live den Sound von DJ Martino di Leo. Und es gab Gesprächsstoff unter den Szenekennern: Wer ist die Schöne, die auf dem Kleidungsladen-Werbebanner groß behauptet "Home is where the lake is"? Handelt es sich etwa um die Künstlerin Elena Muti - bekannt geworden als die Muse von Thomas Glavinic - zweitbester Schriftsteller im deutschsprachigen Raum? Trotz frappierender Ähnlichkeit blieben Restzweifel - warum sollte eine international bekannte Künstlerin Werbung für den Chiemsee machen?
Über ähnliche Fragen handelte schließlich der erste Text, den der Autor dem Publikum vortrug: "Wie ich dem Chiemgau Ronja von Rönne näherbringen wollte und fast wahnsinnig wurde". Denn auch der in Berlin lebenden Feuilleton-Star (dem fälschlicherweise ebenfalls Nähe zu Glavinic kolportiert wurde) gibt sich ab und an Mühe, urbane Kultur in den Chiemgau zu transportieren. Über das Scheitern derartiger Ansinnen handelte dieser erste Text. 
Diese Bücher verschenkt der Vertriebsstratege auch gern, wenn die Leser
mal wieder kein Geld dabei haben
Was der Autor ebenfalls von der zweitbesten Jungautorin Deutschlands abschaute war, Lesungen unterhaltsam zu gestalten. Mit diesem mutigen Schritt bemüht er sich um eine Emanzipation seiner Chiemgauer Autorenkollegen. Also lud er die Jazzband wieder aus, strich den Lyrik-Part und las einfach nur lustige Blog-Artikel vor. Auch der zweistündige Vortrag "Wie Literatur entsteht" landete zerknüllt in der Tonne neben dem Elena-Muti-Banner. 
Gelacht wurde tatsächlich viel im Publikum. Vor allem über das Aussehen des Autors. Der sah sich gezwungen die Anekdote zum besten zu geben, warum der vormittags noch hipsterbärtige Schriftsteller nun mit einem glatten Babypopo im Gesicht auf der Bühne stand: Er hatte versehentlich den Aufsatz des Barttrimmers abgenommen und sich eine Schneise in den danach nicht mehr ganz so imposanten Holzfällerbart geschnitten. Nach Rettungsversuchen seiner Frau sah er kurz darauf aus wie Lemmy, wenig später hatte er einen Provinzpolizist-Schnauzer, wenig später sah er aus wie Charly Chaplin, er entschloss sich aber aus ästhetischen Gründen auch diesen Rest-Bart wegzurasieren und nass rasiert unter die Menschen zu treten.
Statt aus seinen Romanen las er diesmal überwiegend aus seinen Blogs vor: Während die im Publikum sitzenden Eltern von Kleinkindern über die Anekdoten aus dem "Elterntagebuch" herzlich lachten, weil sie die beschriebene Zeit des Zahnens längst hinter sich hatten, runzelten die schwangeren Damen die Stirn ob der Dinge die ihnen noch bevorstehen. Aber der Autor konnte sie auch rasch beruhigen: "Eine Geburt tut gar nicht sooo weh."
Während es im Kleidungsladen recht lustig zuging, reagierte man am anderen Ende der Stadt im Café Festung, wohin die Lesung live übertragen wurde, konsequent: Dort verfolgte man DJ Martiono di Leos Musik mit Genuss, die Lesung wiederum weckte unter den Szenegängern ambivalente Gefühle. Udo Henning später zum Autor, der eine Stunde lang hoffte, durch die live übertragene Lesung nicht länger nur der zweitberühmteste Autor der Stadt zu sein: "Das Gelaber habe ich dann sofort ausgemacht". 
Der Autor nahm es gelassen. Das Vermarktungsgenie verschenkte noch ebenso viele Bücher wie er verkaufte und stieß nach der Lesung erschöpft aber glücklich mit der zweidimensionalen Elena Muti an in der Hoffnung, eines Tages so tolle Lesungen zu machen wie ihr Ex-Freund Thomas Glavinic. 

Freitag, 18. August 2017

Die Telekom auf der Suche nach dem verschwundenen Handy

Wie ich auf einer Odyssee alle Mitarbeiter des Traunsteiner Telekom-Shops kennenlernte

Das Ersatzgerät, das mir die Telekom zur Verfügung
gestellt hat (links)
Dies ist eine epische Geschichte über die Telekom, Deutschlands größten Dienstleister. Seit 4 Wochen sind alle Mitarbeiter der Telekom, zumindest die der Telekom Traunstein auf der Suche nach meinem Handy - bis heute erfolglos. Eine Saga, die ich Euch auf keinen Fall vorenthalten möchte:
Es begann im Mai, als ich mein defektes Apple-Smartphone reklamieren wollte. Nach nur zwei Tagen hin und her zwischen Telekom und Apple Provider wurde mein Handy eingeschickt - und prompt bekam ich innerhalb einer Woche ein Neugerät. Soweit, so gut - meine persönliche Ilias endete mit der Eroberung Trojas beziehungsweise dem neuen Handy.
Allerdings folgte bei Homer auf den Sieg im trojanischen Krieg eine zehnjährige Odyssee: 
Auch bei mir - leider war auch das Austauschgerät defekt.
Am 19. Juli - vor fast genau 4 Wochen stattete ich der Telekom Traunstein jenen Besuch ab, der mich auf meine Odyssee mit bisher unabsehbarem Ende schickte. Zwar nahm man mein defektes Iphone anstandslos an, allerdings war es der Telekom-Mitarbeiterin nicht möglich, den Vorgang korrekt im System zu verbuchen. Ob es ein Systemfehler war, oder weil es sich um ein Austauschgerät handelte, erschloss sich dem Laien nicht. Die Dame machte sich eifrig Notizen und ich dachte mir nichts, dass ich ohne Beleg den Laden wieder verließ. 
Schön ist es, einige Tage ohne Handy zu sein.
Als ich nach einer Woche nichts mehr von der Telekom gehört hatte, fragte ich vorsichtshalber mal nach. Herr Sch. mühte sich redlich - allerdings war kein Vorgang erfasst. Nachdem die rührigen Mitarbeiter der Telekom Traunstein jeden Winkel nach meinem Handy durchsuchten, fand Herr G. heraus: Der Lieferant hatte das Handy ohne Schein abgeholt - man wisse nicht, wo es sich befindet. Immerhin: Ich erhielt ein Ersatzhandy. Innerhalb von 2 Wochen sei mein Iphone wieder da.
Meine erste Prüfung auf der Odyssee waren wieder nicht die Sirenen, sondern ein Samsung Galaxy Android-Handy. Man hätte mich an einen Mast binden sollen, dann wäre ich gar nicht in die Versuchung gekommen, ein neues Betriebssystem zu erlernen. Seitdem weiß ich, was ich an meinem Iphone habe.
Sehnsüchtig wartete ich jeden Tag auf den Anruf der Telekom. 
Es wurde August. Die zwei Wochen verstrichen, ohne einen Anruf. Die Odyssee ging weiter. Ein Telefonat mit Herrn L. - langsam wurden die Stimmen der Telekom-Mitarbeiter vertraut wie die von guten Freunden. Am nächsten Tag besuchte ich persönlich die Telekom und lernte meinen neuen Odyssee-Weggefährten, Herrn G. persönlich kennen. Er versprach mir, dass mir die Telekom für die Mühen auf meiner Odyssee zwei Monatsraten erließ. Dass ich jemals mein Handy wieder zurückbekomme versprach er mir schließlich auf Nachfrage auch. Und zwar spätestens am Mittwoch, den 16. August. 
Wie Odysseus seiner Heimkehr fieberte ich diesem Datum entgegen in der unerschütterlichen Hoffnung, endlich wieder mein Apple Gerät in die Arme schließen zu können. Doch obwohl ich stundenlang vor der Veranda ausharrte und auf den Lieferwagen wartete, ging ich auch an diesem Abend enttäuscht zu Bett. Tags darauf besprach der verzweifelte Odysseus erneut den Anrufbeantworter der Traunsteiner Telekom, diesmal beinahe flehend: Herr G., das Handy ist immer noch nicht da! Doch Herr G. war auch nicht da. Ich schätze, er ist höchstpersönlich nach Kalifornien geflogen um bei Apple vorstellig  zu werden um nachzufragen, was mit meinem Handy eigentlich los ist. Einzig mein guter Freund Herr L., rief spätabends erschöpft, ebenso ausgelaugt wie ich an und teilte mit, dass weder mein Handy noch Herr G. da seien. 
Es ist Tag 30 der Odyssee. Ich halte Euch auf dem Laufenden, wie die Odyssee weitergeht.
Liebe Grüße, 
Euer Odysseus

Nachtrag am 18.8.:
Gerade hat er G. angerufen: Er hat mir mitgeteilt, dass mein Handy inzwischen da ist! Stolz erzählte er, dass es "sehr gut ausschaut!" Apple hat festgestellt, dass mein Handy WIRKLICH defekt ist! Als ich Herrn G. schüchtern fragte, ob ich mir das Handy heute abholen darf, wurde er wieder nachdenklich: "Nein", erklärte er, "Das Handy muss nun wieder eingeschickt werden, dann haben Sie innerhalb einer Woche Ihr neues Handy!"
...
Odysseus legte ernüchtert wieder auf: Die Odyssee geht weiter.



Nachtrag am 21.8.:
Termin um 10:00 Uhr bei der Telekom. Nach sechzehn Minuten Wartezeit komme ich dran. Ich fordere ein, den Telekomshop mit einem eigenen Handy verlassen zu wollen. Überraschenderweise geht Herr G. auf alle meine Forderungen ein: Ich bekomme ein Huawei P9 (Endlich ein boarisches Handy!), nochmal zusätzlich 50 EUR Nachlass zu den ohnehin versprochenen erlassenen zwei Monatsraten. Beinahe geht es mir zu einfach und ich frage mich, ob ich mal wieder viel zu nett war. Zufrieden verlasse ich den Telekomshop. Ich habe ein neues Handy! Was ich immer noch nicht bekommen habe: Mein altes Iphone. Odysseus Reise geht also weiter...


Aktueller Stand am 28.8.:
Anruf von Herrn L.: Das Handy ist da! Einen Augenblick lang große Freude. Dann murmelt Herr L. allerdings, dass das Handy nicht repariert wurde, da kein Fehler vorliegt.
Ich eile zur Telekom. Diesmal muss ich nicht warten. Ich lerne die nette Frau T. kennen, die sich nun zu meinen treuen Weggefährten meiner Odyssee einreiht. Denn als ich das Handy auspacke ahne ich bereits, dass etwas nicht stimmt. Und tatsächlich: Ich rufe Frau T. an. Frau T.: "Hallo? Hallo? Hallo?". Sie versteht mich nicht. Das Mikrofon ist also noch immer kaputt.
Fassungslosigkeit. Unverständnis. Allerdings nicht bei mir, sondern bei Frau T. Sie entschuldigt sich tausendmal. Das Übel ist schnell erkannt. Auf dem Auftrag steht, die Frontkamera sei defekt. Das war meine Ausgangs-Reklamation vom Mai, die ja damals mit dem - nun auszutauschenden Austauschhandy gelöst wurde. "Aber das Mikrofon ist doch kaputt, nicht die Frontkamera!"
Es hilft nichts. Nach 6 Wochen Odyssee halte ich zwar mein altes neues kaputtes Handy in der Hand, aber wir sind wieder an jener Ausgangsposition, wo wir vor 6 Wochen begonnen hatten...
Frau T. berät sich mit Herrn L. Immerhin erfahre ich, warum es vor 6 Wochen begonnen hat, schief zu gehen: Die Telekom hatte einen Systemausfall und konnte meinen Auftrag nicht eintippen. Dann hat der DHL Bote mein Handy mitgenommen. 4 Wochen dauerte es, bis es wieder in Traunstein war. Weitere 2 Wochen bis Apple den (falschen) Auftrag bearbeitet hat.
Hier steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.
Es beginnt wieder von vorne: Neuer Auftrag. Mehrmals frage ich nach, ob es mit der Gewährleistung Probleme geben wird, weil inzwischen mehr als 2 Monate seit Erhalt des Handys vergangen sind. Keine Antwort.
Immerhin bekomme ich diesmal eine Kopie des Auftragszettels...
Odysseus meldet sich wieder in spätestens zwei Wochen!

Samstag, 2. September: Das Ende der Telekom-Odyssee

Nachdem ich in Gedanken schon weitere 6 Wochen mit der Telekom stritt, ob mir noch Gewährleistung zusteht oder nicht und eine Beschwerde bei der Telekom-Zentrale mit einem Handstrich weggewischt wurde, geschah heute völlig unerwartet das Wunder:
An der Tür klingelte der Postbote. Aha, hat die Frau wieder was bestellt? Aber nein! Es war das wohl bekannte Apple-Packerl. Die Freude zunächst noch gedämpft. Die Frage war nun: Das alte Gerät erneut zurück - oder ein Austauschgerät?
Große Erleichterung: Die Telekom und Apple haben es eingesehen, dass man mit dem alten Iphone nicht mehr telefonieren konnte: Endlich habe ich mein Austauschgerät bekommen!

Odysseus neues Iphone 6 64 GB kann man übrigens nun auf Ebay Kleinanzeigen kaufen: Klick hier

Ich möchte mich noch einmal bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei der Telekom und Apple bedanken, die bei meiner Odysse mitgemacht haben:
Frau 1, Telekom Traunstein
Der unbekannte DHL Bote
Herr S., Telekom Traunstein
Herr L., Telekom Traunstein,
Herr G., Telekom Traunstein
Frau T., Telekom Traunstein
Herr W. von der Handycheck Beschwerdestelle
Unser Postbote

Herzlichen Dank an Euch alle!

Sonntag, 6. August 2017

Warum Herr Hagenbeck sterben muss - Alkoholismus im Roman

Bücher die Alkoholkonsum auf unterschiedliche Weise
aufarbeiten
Meike K. Fehrmann, meiner Autorenkollegin aus Traunstein ist es gelungen, gleich mit ihrem ersten Roman einen Nerv zu treffen: "Warum Herr Hagenbeck sterben muss" ist ein Jugendroman über das meist tabuisierte Thema Alkoholismus. 
Besonders das Traunsteiner Annette-Kolb-Gymnasium hat das Buch bereits in den Unterricht mit einbezogen. Bemerkenswert ist auch, dass das Thema gleich von der lokalen Kulturszene aufgenommen wurde: Das Junge Ensemble Chiemgau unter Leitung von Svetlana Teterja-Pater den "Hagenbeck" als Theaterstück inszenierte. Das Stück wird seither immer wieder aufgeführt. Zuletzt in der Theaterstrickerei in Grabenstätt. 

Warum muss Herr Hagenbeck sterben?

Lukas ist ein durchschnittlicher Teenager. Was sein Leben außergewöhnlich macht: Sein Vater ist Alkoholiker. Während Lukas und seine Schwester Anne zwar immer wieder unter den Eskapaden ihres trinkenden Vaters zu leiden haben, ist ihr Alltag beinahe der einer trauten Familie im Vergleich zu Lukas'  Freund Kevin. Herr Hagenbeck ist nämlich Stiefvater von Kevin, ebenfalls Alkoholiker und einer der übelsten Sorte: Er schlägt seine Frau und das Kind, wenn er betrunken ist. Zusammen mit dem reichen Söhnchen Alexander, der sich ebenfalls outet, Sohn eines Alkoholikers zu sein, gründen die Teenager einen Club mit einem Ziel: Den gefährlichen Herrn Hagenbeck zu töten.
Zugegeben, eine provozierende Handlung. Dennoch ist es ein - trotz vieler empörender Ereignisse - leicht beschriebenes, oft humorvolles Jugendbuch das dazu einlädt, kontrovers diskutiert zu werden. Also ideal, um im Unterricht von Schulklassen durchgenommen zu werden.

Warum man Herrn Hagenbeck lesen muss 

Das Thema Alkoholismus wird bei uns in Bayern ebenso tabuisiert, wie der Alkohol an sich ein fester Bestandteil unseres Alltags ist. Der Konsum von Bier und Wein ist sozial toleriert, sogar erwünscht. Ein Landrat beispielsweise, der zum Frühschoppen Apfelschorle trinkt, kann kein echter Bayer sein. 
Meike K. Fehrmanns Roman lenkt den Blick auf die nicht zu unterschätzende Zahl von Menschen, die im direkten Umfeld eines alkoholkranken Menschen den Alltag zu bestreiten haben. Es lädt den Leser dazu ein zu reflektieren, wie der eigene Bezug zum Alkohol ist und wann der Zeitpunkt überschritten ist, an dem es "lustig" ist, einen über den Durst zu trinken. 
Besonders als Autor eines Buches, in dem von jungen Erwachsenen jede Menge gesoffen wird, ließ mich ein unangenehmes Gefühl nach der Lektüre nicht mehr los. Wer die "Kleinstadtrebellen" gelesen hat weiß, dass Cuba Libre eine Hauptrolle spielt, dass Justin, Peter und die anderen im Rausch so manche Straftat begehen. Der Erzähler wie der Autor schildern diese Exzesse allerdings heiter und wohlwollend. Nach dem "Hagenbeck" frage ich mich: Ist mein Justin ein Alkoholiker? Hätte ich Greta, seine Freundin, noch mehr unter seinem vom Alkohol angestachelten Treiben leiden lassen sollen?
Der Herr Hagenbeck wirft Fragen auf, da es eine feine Linie ist, die aus jugendlichem Wochenend-Alkoholkonsum eine Krankheit macht. Die einen haben vielleicht Glück gehabt, dass sich Konsum nicht in Sucht verwandelte. Andere nicht.
Was allerdings mit jenen passiert, die dieses Glück nicht hatten, lässt sich also nachlesen in "Warum Herr Hagenbeck sterben muss". Und deshalb sollte man auch dieses Buch unbedingt gelesen haben.

Herrn Hagenbeck kann man hier bestellen: https://meike-k-fehrmann.com/meine-buecher/