Montag, 20. März 2017

Ulrike Anna Bleier - Schwimmerbecken

Schwarze Geheimnisse


Auf der Suche nach bayerischer Literatur, verankert in der Provinz, dennoch modern geschrieben, habe ich eine Weile den Lichtung Verlag beobachtet. In Ulrike Anna Bleiers Roman „Schwimmerbecken“ hoffte ich, fündig geworden zu sein. Positive Rezensionen in der Süddeutschen und von Sophie Weigand reizten mich, mir meinen eigenen Leseeindruck zu machen. Ich habe es nicht bereut. Die Lektüre war ein Erlebnis. Ich war begeistert, erschüttert, auch mal genervt, oft gerührt. Und lange hat mich kein Buch mehr begleitet, das gleichzeitig so leicht und so schwer zu lesen war. 
Aber von vorne: Luise stammt aus der bayerischen Provinz, aus einem Dorf namens Kollbach. Viel aufregendes gibt es nicht, außer wenn sich im Nachbardorf zwei Teenager umbringen. Es gibt einen Wirt, eine Pension, mehrere Bauernhöfe und das nahegelegene Regensburg als Hoffnung auf ein besseres Leben. Was einerseits eine Idylle sein könnte, beschreibt Ulrike Anna Bleier als kafkaeske Hölle. Ludwig, Luises Zwillingsbruder den sie stets „Bruderherz“ nennt, ritzt sich – ohne einen Tropfen Blut zu verlieren. Etwas dunkles, unaussprechliches, umgibt ihren Bruder, der plötzlich jahrelang verschwindet und nach seiner Heimkehr eine fremde Sprache – vielleicht indonesisch -spricht. Luise versucht, dem unaussprechlichen auf die Spur zu kommen. Und da der Wahnsinn der bayerischen Provinz von Kapitel zu Kapitel buchstäblicher wird und Luise selbst aus den Grundfesten der Zeit katapultiert wird, sind die 58 Kapitel in „Schwimmerbecken“ wahllos aneinander gereiht. Vermutlich ist es egal, in welcher Reihenfolge man die kurzen Episoden liest. Beinahe jede enthält eine neue schreckliche Erkenntnis über die düsteren Geheimnisse in Luises Umfeld. Manche so zart, dass sie in ihrer stillen Traurigkeit ungemein berührten. Andere wieder krachend und so unfassbar, dass man sich einen Moment fragt, ob die Autorin einem nun nicht doch zu viel zumutet. Virtuos erzählt ist allerdings das „Nicht – erzählen“. Luise, ihr Zwillingsbruder und ihre Eltern – sie kommunizieren, aber sie sagen sich nichts. Das Unausgesprochene dominiert das gesamte Buch und lässt es in einer bedrückenden Düsternis versinken. 
Und das wirklich erschreckendste an dem Buch ist, dass es recht nah an der Realität geschrieben ist. Jeder der Schicksalsschläge, die Bleier in den Roman einflechtet, ist realistisch beschrieben. Die deprimierende Dorfatmosphäre zwischen Wirt und Tratsch im Kramerladen ist jedem bekannt, der in einem Dorf in Bayern aufgewachsen ist. Die blutende Resl von Konnersreut ist nur dem fanatisch Glaubenden ein Trost, jedem halbwegs sensiblen Kind jagen die Geschichten Angst ein. Es verbrennen Tierquäler, es sterben Katzen, aber die bedrückendsten Szenen des Buches sind jene, die vom Versagen der Familie, miteinander zu sprechen, erzählen. Selten habe ich über das stille Scheitern einst glücklicher Menschen so bedrückend geschrieben gelesen. 
Keine leichte Lektüre. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich die gut 150 Seiten gelesen habe, da die Sätze zwar wundervoll leicht geschrieben sind, das Gewicht ihres Inhaltes aber in seiner Schwere niederschmetternd sein konnte. Dies zu erreichen ist große Kunst. Kompliment deshalb an den Lichtung Verlag: Da habt ihr euch eine tolle Autorin geangelt! 

Mehr zu Lesen gibt es auf www.bernhardstrasser.de

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen